Gnosis

Was ist Gott?

Im Dom von Siena, diesem christlichen Gotteshaus, ist auf einer Intarsie des Fußbodens Hermes Trismegistos abgebildet (Hermes Trismegistos: der Dreimalgrößte, der griechische Name des ägyptischen Gottes Thot).

Aus der Tradition des Hermes Trismegistos stammt unter anderem das „Buch der vierundzwanzig Philosophen”. Es zeigt das Universelle der hermetischen Lehre, die wie eine allgemeine Grundlage ist, auf der viele Religionen, ganz unterschiedlichen Inhalts, aufbauen können. Alles läuft auf die eine Weisheit zurück, auf die eine übergreifende Wahrheit. Die kurze Schrift hat folgenden Inhalt:
Prolog
Vierundzwanzig Philosophen waren versammelt. Nur ein Problem blieb ihnen offen: Was ist Gott?

Da beschlossen sie nach gemeinsamer Beratung, sich Bedenkzeit zu lassen und einen Termin festzusetzen, noch einmal zusammenzukommen. Dann sollte jeder seine These über Gott vorlegen, und zwar in der Form einer Definition. Aus den verschiedenen Definitionen wollten sie etwas Gewisses über Gott ermitteln und mit allgemeiner Zustimmung festsetzen.
Die vierundzwanzig Definitionen
Gott, das ist das, was ganz ist in jedem seiner Teile.

Gott, das ist der Geist, der ein Wort erzeugt und dabei ganz bei sich bleibt.

Gott, das ist das, worüber hinaus Besseres nicht gedacht werden kann.

Gott, das ist das, im Vergleich zu dem jedes Wesen nur eine Eigenschaft und jede Eigenschaft nichts ist.

Gott, das ist der Grund ohne Grund, der Prozess ohne Veränderung, das Ziel ohne Ziel.

Gott, das ist die Liebe, die sich desto mehr verbirgt, je mehr wir sie festhalten.

Gott, das ist das, dem allein alles gegenwärtig ist, was irgendeiner Zeit gehört.

Gott, das ist das, dessen Können nicht gezählt, dessen Sein nicht abgeschlossen, dessen Gutsein nicht begrenzt wird.

Gott, das ist das, was jenseits des Seins steht, allein mit sich im Überfluss, sich genügend.

Gott, das ist das, dessen Willen seiner gottbewirkenden Macht und Weisheit gleichkommt.

Gott, das ist die Ewigkeit, die in sich tätig ist, ohne Aufteilung und ohne Eigenschaft.

Gott, das ist der Gegensatz zum Nichts vermittels des Seins.

Gott, das ist das, dessen Weg zur Gestalt die Wahrheit und dessen Weg zu Einheit das Gutsein ist.

Gott, das ist das einzige Wesen, das, seines Vorrangs wegen, Wörter nicht bezeichnen und das, der Unähnlichkeit wegen, auch Geistwesen nicht erkennen.

Gott, das ist die einzige Selbsterkenntnis, die kein Prädikat duldet.

Gott, das ist die Kugel, die so viele Umfänge wie Punkte hat.

Gott, das ist das Immerbewegende, das unbewegt bleibt.

Gott, das ist das einzige Wesen, das von seinem Intellekt lebt.

Gott, das ist die Finsternis in der Seele, die zurückbleibt nach allem Licht.

Gott, das ist das, aus dem alles ist, was ist, ohne dass er aufgeteilt würde, durch den es ist, ohne dass er sich verändern würde, in dem es ist, ohne dass er sich mit ihm vermischen würde.

Gott, das ist das, was der Geist allein im Nichtwissen weiß.

Gott, das ist das Licht, das ohne Brechung leuchtet. Es kommt herüber. Aber in den Dingen ist es nur als Gottförmigkeit.

Die vierundzwanzig Philosophen waren klug genug, das Ergebnis ihrer endgültigen Prüfung nicht aufzuschreiben.

Ich spüre: Das Ergebnis kann nur innerlich erlebt werden.

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