Freiheit

Warum Menschen nach dem Unerreichbaren streben

„Mit Mozart gegen die Ghetto-Mafia, mit Tschaikowski gegen Tristesse: Venezuela bekämpft Gewalt mit Musik” – so titulierte Spiegel Online den Bericht zur Uraufführung des Films El Sistema mit dem Jugendorchester Simon Bolivar und seinem Chefdirigenten Gustavo Dudamel, die nicht bürgerlicher Herkunft sind, sondern aus den Elendsvierteln stammen und sich mit Musik gegen Gewalt, Unrecht und Not auflehnen.

Woher kommt dieses Gefühl der unbändigen Sehnsucht, die Unerreichbares begehrt ? Für sie stand die Blaue Blume des Dichters Novalis, durch sie wurden die Helden des Sturm und Drang bis hin zur Romantik getrieben – man denke nur an Werther, Wilhelm Meister oder Faust. Sie machen deutlich, dass Sehnsucht die Entwicklung eines Menschen befördert, weil der Sehnsüchtige das eigene Leben als unvollkommen und unfertig betrachtet, weil er Träume hat, die sich nicht materiell im Hier und Jetzt befriedigen lassen.

Diese Sehnsucht kann erst entwickeln, wer über sein Leben reflektiert, wer die Sinnfrage stellt – Was wäre, wenn? -, die seinem Leben eine Richtung gibt. Am schönsten hat dies der eschatologische Kommunist Ernst Bloch formuliert, der die Fähigkeit zur Sehnsucht als die ehrlichste Eigenschaft des Menschen bezeichnete. Wir wollen ihn in Sachen Religion (mit Zitaten aus „Atheismus im Christentum”) selbst zu Wort kommen lassen:

„Denken ist Überschreiten.

Es ist das beste an der Religion, dass sie Ketzer hervorruft.

Religion ist Re – ligio. Rückverbindung,
besonders mit einem mythischen Gott
des Anfangs, der Weltschöpfung; daher
ist das verstandene Exodus-Bekenntnis zu
„Ich werde sein, der ich sein werde”, gar
zum Christentum des Menschensohns
keine Religion mehr.

Nur ein Atheist kann ein guter Christ
sein, nur ein Christ kann ein guter
Atheist sein.

Entscheidend: Ein Transzendieren
ohne Transzendenz.”

Bloch schreibt gegen Veraltetes in Sachen Religion – gemeint sind die priesterlich redigierten und so überlieferten, „herrenkirchlich gebrauchten Bibeltexte”, er wendet sich gegen „die repressive, regressive Rück-Bindung, gegen hoch droben fertig Vorgesetztes, zum Unterschied von unzufriedener, selbstschöpferischer Antizipation”. All dem stellt er den „Aufrechten Gang” gegenüber und verweist auf etwas, das „dauernden Theo-Logen eine Überraschung, ein Ärgernis, eine Torheit ist – das subversive, das antistatische Gegenstück in der Bibel”. Stärkste Häresie und Bild einer Zukunft des Menschen ist der „Menschensohn, der sich in das bisher Gott genannte messianisch einsetzt”.

Bloch spricht von „Christen, die des theokratischen Aberglaubens satt geworden” sind, „also anders hungern”, denen es an Sinn ihres Daseins mangelt, die in der Bibel lesen und gerade hierdurch „an den Stäben dieser Todeswelt” rütteln. Es sind diejenigen, die „einen neuen Himmel und eine neue Erde” herbeisehnen. Er verweist auf den „Ruf Eritis sicut deus, scientes bonum et malum („Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist”, 1. Mose 3, 5), der „vergebens verleumdet und offiziell umgewertet” wurde. „Heraus aus dem Garten bloßer Tiere” und hin in ein „daraus rettendes Futurum, ein „ich werde sein, der ich sein werde” als Sprengung in der angeblichen Gottesvorstellung selber”.

Gerufen sind diejenigen, die „die eschatologische Finalwelle” erwarten, „den noch nicht geschehenen siebten Schöpfungstag”, der in der Gemeinschaft wie in der Natur sein wird, an dem der Geistmensch mit sich identisch geworden sein wird.

Eine solche Sehnsucht ist es, die uns aus der Kindheit erhalten geblieben ist. Visionäre wie Ernst Bloch tragen dazu bei, das Ziel des Menschseins lebendig zu halten.

Abbildung aus Wikipedia
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