Kunst

Walther von der Vogelweide: Frau Welt, ich hab´ von Dir getrunken …

Als ich diese Zeile von Walther von der Vogelweide (ca. 1170 – ca. 1230) zum ersten Mal in Gesangform hörte, hat sie mich auf besondere Weise angesprochen. Was verbinde ich mit ihr? Geboren zu werden bedeutet, aus den Bechern dieser Welt zu trinken, und das heißt auch, Erfahrungen zu machen. Die Becher, die uns in unserem Leben kredenzt werden oder zu denen wir freiwillig greifen, sie muten oft verlockend und bezaubernd an. Wir nehmen sie ohne Argwohn und erwarten Freude, Liebe und Glück; später stellen wir fest, dass wir, ohne es zu wollen, auch Becher des Leides gewählt haben.

Nicht anders ist es dem Dichter der oben genannten Zeile ergangen. Er ist einer der bedeutenden Lyriker des Mittelalters. Der Ausspruch stammt aus seinen letzten Liedern, die neben Minneliedern und politischer Spruchdichtung entstanden sind.

Der Name des Dichters könnte Symbolcharakter haben. Eine Vogelweide war früher ein Nist- und Fangplatz der Vögel. Ist das nicht ein Abbild für Schicksal, Beruf, ja für das Leben insgesamt in dieser Welt?

Der Dichter lebte in der Zeit der Kreuzzüge und trug seine Dichtkunst zunächst an den Höfen deutscher Herzöge und Fürsten vor. Später stand er im Dienst Ottos des IV. und Friedrich des II., von dem er 1220 ein Lehn erhielt. Die Erlebnisse auf seinem Lebensweg spiegeln sich in seiner Dichtkunst wider.

Es heißt in seinem Gesang:
„Frau Welt, als ich dir voll in die Augen schaute, da sahst du wahrhaft schön und lieblich aus. Doch als ich deinen Rücken erblickte, da sah ich so viel Schreckliches, dass ich deinen Namen stets mit Abscheu nenne.”

„Traurig enden die Lieder der Vögel und die zarte Süße der Linde. Weh´ dir Welt, wie ist dir dein Schmuck entglitten.”

Wer kennt nicht die „Kehrseite der Medaille”? Licht und Dunkel bedingen einander. Das Dunkle, Schwere wollen wir vermeiden, doch es gehört dazu.

Auch die ungestümste Hoffnung in unseren Herzen erhält Risse. Das Schicksal kennt seine eigenen Wege.

„Ich bin ein Narr und hoffte auf die Welt, doch diese schwankende Hoffnung trügt und führt zum bitteren schlimmen Ende. Wäre ich klug,
ich ließe sie fallen, so dass ich nicht die Feindin meiner Seele werde.”

Feindin unserer Seele werden wir, wenn wir Dinge tun oder sprechen, die mit unserem Innersten nicht in harmonischem Einklang stehen und die wir nachträglich lieber nicht getan oder gesagt hätten und nun tief bereuen.

„Mein armes Leben liegt in Angst und Sorge, zur Umkehr drängt die Zeit.”

Eine Absage an Scheinwerte, an Abhängigkeiten, an innere Unfreiheit ist angesagt, und: die Suche nach Wahrheit. Wie lässt sich diese innere Umkehr vollziehen? Wie lässt sich ein neuer Wertebegriff finden, der über alles Bekannte und Dagewesene hinausführt?

Es heißt: „Wo Euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.” Wir können unser Herz auf ein inneres seelisches Kraftpotenzial richten. Unser Herz ist ein Tor zur Ewigkeit. Wir tragen einen unvergänglichen Schatz in uns, der nicht von dieser Welt ist.

Wenn wir ihn gefunden haben, schenkt er uns: Genügsamkeit, Freiheit von Selbstsucht, Mitempfinden für alle und alles, Einsicht in unser Geschick, innere Freude.

Unser Sehnen ruft uns zur Suche. Walther von der Vogelweide erklärt es uns in seinen Liedern.

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