Selbsterfahrung

Wahrheitssucher

Ja, ich war schon als Jugendlicher ein Wahrheitssucher.
Ich wollte alles wissen: was wirklich stimmt, welchen Sinn das alles hat, warum hier so vieles schief läuft.
Ich suchte die Wahrheit. Und ich war sicher, dass ich etwas von der Wahrheit in mir trug.
Ein Feld, auf dem ich suchte, war die Musik. Ich mochte ganz bestimmte Gitarrenklänge, ganz bestimmte Harmonien und melodische Wendungen.
Manche Stücke waren für mich einfach „näher dran” an der Wahrheit als andere. Und ich analysierte Texte.
Englische Vokabeln blieben vor allem dann hängen, wenn sie mir den Sinn eines tiefschürfenden Songtextes eröffneten.
Mir gefielen Bands, die die Welt demaskierten, die sich nicht mit Oberflächlichem zufriedengaben.
Später entdeckte ich Umweltschutz und wurde nach und nach immer radikaler.
Auf parteipolitischem Weg war offenbar nichts zu gewinnen – die Grünen kamen an die Macht, die Atommülltransporte rollten weiter, und Deutschland führte Krieg.
Die Revolution durch linksradikale Gruppen und Basisdemokratie blieb aus.
Ich hoffte, mit Radikalität näher an die Wahrheit zu kommen – radikal bedeutet, an die Wurzel zu gehen, also Ursachen zu sehen und nicht nur Symptome.
Doch je tiefer wir analysierten, je länger wir diskutierten, desto uneiniger wurden wir.
Es war eine Sackgasse. Alle Wahrheiten, die wir so errangen, erwiesen sich als relativ – es gab kein Fundament.
Dann schloss ich mich einer spirituellen Gruppe an. Ich war berührt von der gnostischen Philosophie und von der Schwingung, die ich bei den Treffen empfand.
Etwas in mir sagte sehr laut und deutlich JA dazu!
Klar, innerhalb der Welt der Gegensätze sind die Ideale der Freiheit, des dauerhaften Glücks für alle, der vollkommenen Gerechtigkeit nicht zu verwirklichen.
Es war ein Wiedererkennen von etwas, das schon lange in mir war. Ich hatte es nur immer falsch verstanden, genauer gesagt: auf die falsche Ebene bezogen.
Nun war ich sicher: Endlich habe ich „ES” gefunden. Es war so glasklar, nun würde alles ganz schnell gehen. So nah war ich der Wahrheit noch nie!
Nun fiel es mir leicht, die politischen Kämpfe sein zu lassen. Was für eine Erleichterung! Nicht mehr an der falschen Stelle kämpfen müssen!
Während ich ungeduldig auf die nahe Erleuchtung wartete, begann ein sehr ernüchternder Weg.
Nach und nach musste ich erkennen, dass die Stimme der Wahrheit in mir gar nicht so klar und rein erklang, wie ich in der ersten Euphorie angenommen hatte.
Ich musste lernen zu erkennen, wie viel von „meiner Wahrheit” nur persönliche Prägungen, Vorlieben, Abneigungen, Kindheitserfahrungen, Charaktereigenschaften waren.
Lieder, die ich besonders nah an der Wahrheit wähnte, gefielen anderen spirituellen Suchern gar nicht – sie trafen eben nur meinen melancholischen Nerv.
Wie oft hatte ich meine Überzeugungen verändert? Nach einem Umzug, in neuer Umgebung, dachte ich nach ein paar Monaten über viele Themen ganz anders.
Nach ein paar weiteren Monaten politischer Auseinandersetzungen lagen die als „Wahrheit” errungenen Überzeugungen wieder auf dem Schrotthaufen.
Und nun, auf dem spirituellen Weg? Ja, ich hatte etwas gefunden: einen Weg. Aber keine Wahrheit, die ich festhalten konnte, die ich jetzt „hatte”, die mir gehörte.

Im Gegenteil, der Weg bestand nicht darin, etwas Neues zu besitzen, sondern darin, alles Alte preiszugeben. Getreu dem Motto:
Es genügt, falsche Vorstellungen loszulassen. Richtige Vorstellungen brauchst Du nicht loszulassen, denn es gibt keine.

Foto: Rolf Mahr
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