Gnosis

Von Idealen und anderen Bosheiten

Vor einigen Tagen habe ich von einem Menschen gehört, bei dem alles, was für ihn wichtig war, zusammen gebrochen ist. Ich überlegte mir, woran das liegen könnte. Vielleicht hat sich ja Folgendes abgespielt:

Ein Wesen, unbestimmt in Form und Farbe, saß in einer Ecke. Sehnsüchtig schaute es in eine Welt, von der es doch so viel zu holen gab. Immer kleiner und schwächer war es in der letzten Zeit geworden, und nun drohte es zu sterben. Seine Nahrung fehlte ihm und die Nahrung kam von den Menschen. Eines Tages jedoch wurde ein Kind geboren und dem Wesen schien es, also ob dies einmal seine Nahrungsquelle werden könnte. Alles passte, seine Anlagen, seine Familie, seine Begabungen und die Begrenzungen, die aus seinem Karma und seiner Erziehung erwuchsen. Sorgfältig beobachtete das Wesen das Heranwachsen des Kindes. Von dem wirklichen Leben hielt das Kind sich weitgehend fern und das kam dem Wesen zugute. Mit der Zeit wurde klar: Von diesem Menschen und anderen, die ihm ähnlich sind, wird es sich ernähren können.

Der junge Mensch wuchs heran und entwickelte seine Interessen, und aus seinen Interessen wurden lebendige Bilder und er wollte, dass sich diese Bilder in der Wirklichkeit erfüllen sollten. Ja, er wollte, dass sich die Wirklichkeit seinen Bildern angleicht. Er entwickelte seine Ideale. Er entwarf das Bild einer perfekten Welt, einer perfekten Frau, eines perfekten Hauses, des idealen Berufs.

Aber dabei blieb es nicht. Wäre es dabei geblieben, dann wäre das Wesen, das auf Nahrung lauerte, so schwach geblieben, wie es ursprünglich war. Nein, der nunmehr Erwachsene versuchte, ein Ideal zu verwirklichen. Mit dem ersten Versuch nahm das Wesen an Kraft zu. Und was macht ein Wesen, das hungrig ist, aber schon so kräftig, dass es nach Nahrung schreien kann? Es ruft nach dieser Nahrung. Und der Mensch reagierte darauf. Er gab ihm weitere Nahrung, indem er versuchte, ein weiteres Ideal zu verwirklichen. Es begann nun ein Kampf gegen alles, was nicht seinen Idealen entsprach. Es war eine wahre Sisyphusarbeit; ein Kampf gegen die Realitäten – gegen die menschlichen Schwächen, das unvollkommene Haus, den unvollkommenen Beruf, die unvollkommene Frau. Diese Sisyphusarbeit kostete viel Kraft, und von dieser Kraft ernährte sich das Wesen. Lächelnd und heimtückisch saß es in seiner Ecke und freute sich an jedem Versuch des Menschen, seine Ideale zu realisieren.

Für ihn wurde es aber immer schwerer. Die Kosten wurden immer höher. Inzwischen gab es verschiedene Wesen, die von ihm lebten. Denn es war ja nicht nur ein Ideal, das er anstrebte. Und die Wesen traten in einen Wettstreit miteinander. Welches Ideal würde schließlich am meisten Kraft bekommen? Zu Beginn war der Wettkampf noch unentschieden, aber nach einiger Zeit setzte sich ein Ideal durch und der Mensch begann nun damit, ihm die anderen zu opfern. Ein Wesen erhielt am meisten Nahrung. Gleichwohl wurde sein Hunger nur noch größer. Für den Menschen war es nicht einfach, für das Wesen aber, das sich von ihm ernährte, war es ein großes Fest – ein gefundenes Fressen. Denn eigentlich musste es nicht mehr viel tun. Es wurde immer stärker und kräftiger, und so forderte es immer mehr: mehr Nahrung, mehr Aufmerksamkeit, mehr Hingabe.

Was aber geschah mit dem Menschen?

Es kam, wie es kommen musste: Er wurde immer schwächer. Keine Frau konnte – oder wollte – seinem Idealbild gerecht werden. Er blieb allein zurück, wurde ärmer und ärmer. Die Ideale hatten sein Geld verschlungen, seine Freunde zogen sich angesichts seiner Auffassungen zurück. Das kümmerte das Wesen, das Ideal, jedoch nicht. Manchmal versuchte der Körper des Menschen noch, ihn zu warnen und sandte ihm Symptome, die seiner Problematik entsprachen. Aber er verstand sie nicht.

Das Wesen gab ihm den Impuls, sich mit einem immer subtiler werdenden Nimbus zu umgeben. In seiner Verwirrung meinte er, er würde einem Ideal dienen, das einer höheren Ordnung entstammt. Das war die Falle, die sich das Wesen als letzte Bosheit ausgedacht hatte.

Hier ist die Geschichte zu Ende.

Ich glaube, dass sich in diesem Fall – und vermutlich ist das eine Geschichte, die immer und überall spielen könnte – eine gnostische Erkenntnis beweist: Wenn man in der natürlichen Welt, der Welt der Gegensätze, das Ideale zu finden meint und dann versucht, es hier zu verwirklichen, wird man Opfer eines Wahns. Ich glaube, dass es nur einen Weg aus diesem zerstörerischen Spiel heraus gibt, und das ist die Erkenntnis, die Idealität nicht hier suchen zu wollen – weil wir sie hier niemals finden können.

Gemälde: Tina Juretzek
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