Gnosis

Von der Verneinung

[Das Ewige] „zeigt sich in keiner einzigen wahrnehmbaren Form, sondern schenkt allen Dingen eine wahrnehmbare Form.” (Hermes Trismegistos, Corpus Hermeticum, 8. Buch); „Es ist mein Selbst, das alle Wesen hervorbringt und trägt, aber es wohnt nicht in ihnen.” (Krishna, Bhagavad Gita); Mein Reich ist nicht von dieser Welt.” (Jesus Christus, Johannesevangelium).

In den Weltreligionen spielt die Verneinung eine unterschiedlich große Rolle bei der Definition des ewig Wirklichen. Alles, was über das Ewige, Göttliche gesagt wird, wird immer wieder in einen Kontext der Verneinung gestellt. Jede Beschreibung des Göttlichen erscheint in einem Rahmen der Unfassbarkeit, der Unantastbarkeit.

Den drei Textzitaten aus der hermetischen, hinduistischen und christlichen Weisheit ist eine Haltung gemeinsam: Das Wahrnehmbare ist nicht das Wesentliche; das Wesentliche ist nicht wahrnehmbar. Dabei geht das Wahrnehmen über das physische Erfassen eines Gegenstandes hinaus; es beinhaltet auch das Empfinden und das Denken.

Die obenstehenden Texte zeigen eine Leerstelle: Das Ewige ist nicht zu fassen. Können solche Verneinungen mehr bedeuten als bloße philosophische Unterweisung? Was folgt daraus, wenn ich annehme, dass ich das Wesentliche, Ewige weder wahrnehmen noch fühlen oder denken kann? Wer eine Zeitlang mit solcher Philosophie umgeht, stellt fest, dass sie zweierlei bewirken kann: Die Bindungen an das Sicht-, Fühl- und Denkbare beginnen sich zu lockern; der Blick richtet sich gleichsam auf das, was dahinter ist. Natürlich ist damit der Spekulation und dem Wunschdenken noch nicht der Grund entzogen, doch jede Spekulation zerschellt an der Klarheit einer solchen Aussage: „Was göttlich ist, hat keinen Teil an der Vergänglichkeit, und das Sterbliche hat keinen Teil am Göttlichen.”
Aber auch: „Die offenbarenden Kräfte Gottes richten sich nicht nach oben, sondern nach unten.” (Hermes Trismegistos, Corpus Hermeticum, 5. Buch). So rücken die Dinge an den Platz, den ihr zeitliches Wesen ihnen zuweist. Zwischen den Dingen, den Wünschen und Gedanken öffnet sich ein Raum, der nicht mehr vom Ich, vom vergänglichen Selbst, gefüllt werden kann, ein Raum für die Handreichung Gottes. Dieser stille Raum ist zuerst im Herzen. Er wird nach und nach auch im Außen wahrnehmbar, als Freiheit und Kraft. Da ist nichts, das erfasst und benannt werden kann. Aber etwas, das alles durchdringt und trägt. So kann es beginnen, dass wir im Grundlosen Grund finden, wenn wir nicht mehr in den Dingen zuhause sind, die man mit den Händen berühren und den Armen umfassen kann, wenn kein Wunsch und kein Gedanke mehr als Anker für das Selbst taugt – wenn ein allumfassendes Zuhause Gegenwart wird.

Ein grundloser Grund: Wir werden Reisende zu einem unfassbaren Ursprung, zu einem Allwesen, dessen kleinsten Funken wir in uns tragen

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