Freiheit

Von der Freiheit eines Geistesmenschen

Wir leben unter demokratischen Verhältnissen und genießen im Gegensatz zu den Menschen an vielen anderen Orten der Welt Informationsfreiheit der Medien. Informationsfreiheit existiert auch in der Alltagswelt, in der Erfolg im Beruf und materieller Wohlstand eine wichtige Rolle spielen.

Aber Medien informieren und unterhalten nicht nur, sie organisieren auch, wie Neurobiologen bestätigen, die menschliche Wahrnehmung, stellen eine neue Erfahrungswelt mit einer neuen sozialen Interaktion dar und vermitteln uns eine Interpretation von Wirklichkeit, nicht die Wirklichkeit selbst. Statt in die erhoffte Freiheit sind wir durch die Bilderwelt der Medien leider in eine neue Konditionierung getreten.

Medien verändern auch: Da sie für junge Menschen in zunehmendem Maße die soziale Interaktion ersetzen – so verfügt jedes dritte Kind in Deutschland über einen PC und einen Fernseher in seinem Zimmer – besteht die Gefahr, dass sich Jugendliche nicht mehr in der Interaktion mit anderen erfahren, sondern in die Vereinsamung geraten. Die Erfahrungen des Scheiterns nehmen dann zu: Beziehungen wollen dann nicht mehr gelingen, eigene Unzulänglichkeiten und Unfähigkeiten rücken ins Zentrum der Selbstwahrnehmung. Viele psychische Erkrankungen sind die Folge.

Die fehlende Interaktion wirkt sich genauso verheerend auf die Kleineren aus. Unsere Kinder kennen oft kaum noch Beziehungs- und Ordnungssysteme und verhalten sich deshalb wie Tyrannen, sind aufsässig und ausschweifend und teilweise gewalttätig.

Das sozial und auch seelisch verarmte Individuum wendet sich auf der Suche nach Begegnung dem Netzwerk der Medien zu und findet Texte statt Menschen. In der neuen Welt der Computer, des Hypertexts, der Verbindungen und Netzwerke, wird die aus dem 19. Jahrhundert stammende Vorstellung des Selbst als einer „Insel”, als autonomes Wesen, das fest und abgegrenzt ist wie das gedruckte Buch und physische Güter, abgelöst von dem in Verbindung stehenden Online-Selbst. Das Diktum Descartes‘: „Ich denke, also bin ich” wird ersetzt durch: „Ich bin verbunden, also existiere ich.” Wir gleichen „Spinnen im Netz”.

Ist das Freiheit? Was ist das für ein Menschsein: der natürlichen Person nach identitäts- und beziehungslos?

Unsere Kultur ist offensichtlich krank, das „Atemfeld”, aus dem wir leben, ist verdorben. Es ist daher an der Zeit, sich auf unser humanistisches Erbe zu besinnen. auf eine uneingelöste Utopie, von der Ernst Bloch meinte, dass sie heute zu der philosophischen Kategorie geworden sei, denn wir bräuchten eine Neuorientierung, nämlich eine neue Religionsphilosophie und eine neue Ethik für die Welt von morgen – oder es wird keine geben:

„Intendieren auf einen Stern, eine Freude, eine Wahrheit gegen die Empirie … ist der einzige Weg, noch Wahrheit zu finden, die Frage nach Sinn ist das einzige Problem, und die Fassung dieses Selbst- und Wir-Problems in allem … ist das Grundproblem.” (Ernst Bloch)

Die Welt und daher auch die Menschheit sind in eine neue elektromagnetische Atmosphäre eingetreten, in die Atmosphäre des Aquarius. Sie enthält hohe Schwingungen, die einen Übergang in eine neue Zeit erzwingen. Alle reagieren darauf, jeder auf seine Weise.

Die kosmische Strahlung ruft den Menschen auf, sich von der Verflachung als bloßer Erdenmensch, als „homo”, wieder auf die griechische „Paideia”, die qualitative, aufwärts orientierte Entwicklung eines freien Geistmenschen zu besinnen. Zahllose Mythen haben dieses Ziel der menschlichen Entwicklung angekündigt, in unserem Kulturkreis zum Beispiel die Edda, die Nibelungen und der Parzival-Mythos.

Das Ideal der „Humanitas” übersetzte Cicero aus dem griechischen „Paideia”, das Erziehung eines Kindes (pais) hin zu Bildung und Wissenschaft, also eine qualitative, aufwärts orientierte Entwicklung des Menschen bedeutete und für die griechische Klassik kennzeichnend war. Das antike Rom machte daraus eine quantitative Eigenschaft, eine menschenfreundliche Zutat für den von der Erde – humus – stammenden „Homo” (Menschen), der im Vergleich zu den Göttern von niedriger, weltlicher Herkunft ist (lat.: humilis) und also seinen Schwerpunkt auf der Horizontalen hat.

Wenn man nur die horizontale Basis in Betracht zieht, erscheint die Freiheit eines Geistesmenschen – Sanskrit „mens” = Geistmensch – als eine Utopie des Menschseins. Doch obgleich der Mensch der Erde entstammt, ist potentiell das Gutsein als Gottähnlichkeit in ihm angelegt. Im Deutschen wurden zum Beispiel „gut” und „Gott” aus einem Wortstamm gebildet.

Oder christlich ausgedrückt: „Allen aber, die ihn aufnehmen, gibt er Macht, wiederum Gottes Kinder zu werden.” (Johannes-Evangelium)

Hier wird auf die noch uneingelöste Utopie der Freiheit hingewiesen. Sie kann im Hier und Jetzt realisiert werden, doch dazu müssen wir einen inneren Weg gehen, an dessen Beginn Erkenntnis steht, Erkenntnis über unseren jetzigen Zustand. Dann kann sich ein Ziel eröffnen, das in uns angelegt ist: die Kräfte der Ideale können uns seelisch verwandeln, sie können uns eine neue Ebene des Seins erschließen. Wir sollten einen solchen Weg gehen. Dem Ziel zuliebe, das uns ruft, unseren Kindern zuliebe, der Menschheit zuliebe.

Der deutsche Dichter Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) rang kompromisslos um einen solchen Weg. In zwei folgenden Kolumnen soll das gezeigt werden.

Abb.: Raffael: Schule von Athen, Quelle Wikipedia
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