Selbsterfahrung

Vom Urteilen

Da war er wieder, dieser traurige Moment: Ich hatte eine Klausur zurückgegeben, und während die einen Schüler zufrieden waren, glücklich strahlten oder sogar dem Nachbarn jubelnd um den Hals fielen, schauten andere enttäuscht auf ihre Noten und ein Mädchen weinte sogar. Alle waren wie unter einer Notenglocke gefangen. Sie waren nicht mehr der Schüler Max oder Petra mit bestimmten Eigenschaften, – nein, sie waren nur noch eine 2 oder eine 5 – nur noch Note.

Ich wollte die traurigen Schüler irgendwie trösten: „Wissen Sie eigentlich, was ein Urteil ist? In diesem Wort steckt die Teilung von etwas ursprünglich Ganzem.” Ich schrieb dieses machtvolle Wort an die Tafel und trennte das „Ur-” vom „teil”. Verwunderte Blicke. „Schauen Sie meine Faust an und stellen Sie sich vor, sie sei die Wahrheit.” Neugierige Blicke auf meine Hand. „Wenn ich nun diese Wahrheit zu erfassen versuche, bin ich durch meinen Standpunkt immer auf eine beschränkte Perspektive reduziert. Ich kann die Wahrheit nur von einer Seite betrachten, die andere vermag mein Blick nicht zu erfassen.” Nachdenkliches Nicken.

„So ist es mit jedem Urteil. Es erfasst nie das Ganze, immer nur einen Teilaspekt. Um den annähernd verstehen zu können, teilen wir ein in richtig und falsch, gut und böse, schwarz und weiß. Ein Urteil kann also nie perfekt sein, da es nie die Gesamtheit erfasst. Leider zwingt uns die Ordnung, in der wir hier leben, zu fortwährendem Urteilen. Aber dennoch bleibt uns die Möglichkeit, uns nie vollständig mit einem Urteil identifizieren zu müssen.” Zufriedenes Aufleuchten in den Augen …

Diese kurze Begebenheit hatte mich sehr bewegt; zeigte sie doch wieder einmal unsere Abhängigkeit vom Urteilen und Beurteilt-werden. Gleichzeitig machte sie mir jedoch auch die unglaubliche Freiheit bewusst, die durch das Nicht-Urteilen möglich wird. Während man sich durch jedes Urteil an andere Menschen oder auch Zusammenhänge bindet, löst ein Nicht-Urteilen Bindungen auf oder verhindert ihre Entstehung. Dies ist für mich ein wichtiger Aspekt beim Gehen eines spirituellen Weges. Denn gerade die Freiheit, nicht zu urteilen, lässt Raum für einen selbst und den anderen, Raum für neue Entwicklungen, die durch ein Urteil oftmals nur blockiert werden.

Darüber hinaus wird ein ganz anderes Verständnis unserer Umwelt und auch von uns selbst möglich. Wenn wir nicht mehr in Einzelaspekte isolieren, erschließen sich uns komplexe Zusammenhänge. So sind die Handlungen unseres Alltags nicht mehr „gut” oder „schlecht”, sondern wichtige Schritte auf dem Erfahrungs- und Lernweg bei unserer seelischen Entwicklung.

Dies ist nicht mit einer Beliebigkeit unserer Handlungen zu verwechseln, frei nach dem Motto: „Meine Handlung hat zwar mich und andere geschädigt, aber wird schon eine wichtige Erfahrung gewesen sein, also weiter so!” Nein, es geht um das bewusste Wahrnehmen unserer Handlungen, ein Erkennen der ihnen zugrunde liegenden Ursachen und Zusammenhänge, um auf diesem Weg wertfrei, ohne zu (ver-)urteilen, unser Ich mit seinen Begrenztheiten zu verstehen und uns seelisch allmählich von den Bindungen dieser Welt lösen zu können.

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