Persönlichkeiten

Vom Strom der inneren Wahrheit

Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) suchte die universelle Wahrheit, die hinter den Religionen steht. Seine Gedanken, die er vor circa 250 Jahren nieder schrieb, können meines Erachtens auch heute noch Wegweiser sein für alle, die tiefergehend suchen und die spüren, dass es einen gemeinsamen Kern der Religionen gibt.

In seinem „Testament Johannis” fasst er in zwanzig Paragraphen zusammen, worin seines Erachtens die wahre Religion besteht, auf die sich die unsichtbare Kirche Christi gründet. Er schreibt u.a.:

„Der Inbegriff jener Glaubensbekenntnisse heißt bei den ältesten Vätern ‚regula fidei‘. Diese Regula fidei ist nicht ursprünglich aus den Schriften des Neuen Testaments gezogen.

Diese Regula fidei ist sogar älter als die Kirche. Denn die Absicht, zu welcher, die Anordnung, unter welcher eine Gemeinde zusammengebracht wird, ist ja wohl früher als eine Gemeinde.

Mit dieser Regula fidei haben sich nicht allein die ersten Christen, bei Lebzeiten der Apostel, begnügt, sondern auch die nachfolgenden Christen der ganzen ersten vier Jahrhunderte haben sie für vollkommen hinlänglich zum Christentum gehalten. Die Regula fidei also ist der Fels, auf welchen die Kirche Christi erbaut worden, und nicht die Schrift.

Die Regula fidei ist der Fels, auf welchen die Kirche Christi erbaut worden, nicht Petrus und dessen Nachfolger”.

Hier legt Lessing die Axt an die Fundamente der christlichen und anderer Religionen, soweit sie sich auf bloß historische, also relative Wahrheiten oder den Buchstaben der Heiligen Schrift und den Kanon stützen und damit den Zugang zum lebendigen Strom der inneren Wahrheit der Religion Christi verwehren. So schreibt er schon als Einundzwanzigjähriger :

„So lang ich nicht sehe, dass man eins der vornehmsten Gebote des Christentums, seine Feinde zu lieben, nicht besser beobachtet, so lange zweifle ich, ob diejenigen Christen sind, die sich davor ausgeben.”

Gemessen an der lebendigen Quelle des Glaubens komme es den christlichen Religionen nicht zu, sich als „christlich” zu bezeichnen, folgten sie doch dem „sanften” Weg der christlichen Glaubenslehren in der Meinung, sie könnten sich damit den Himmel verdienen. Sie seien so mit ihrer Selbstliebe beschäftigt, dass sie Gott für ein Wesen hielten, das nicht leben könne, wenn sie ihm nicht seine Morgen- und Abendopfer brächten. Diese „unchristliche, christliche Liebe” aber führe auf den „Weg zur Hölle”, wohingegen die wahre christliche Liebe ein Joch und eine Aufgabe für die Menschheit bedeute, denn Gott sei Geist, „den sollt ihr im Geist anbeten”.

Mit diesem Auftrag der Liebe als Ausfluss der geistigen Christuskraft (deren Symbol in der Ringparabel der Opalring ist) habe Jesus Christus seine Jünger in die Welt geschickt, um die Entwicklung der ganzen Menschheit über ihre veräußerlichte Religiosität hinaus auf ihre wahre Bestimmung zu orientieren, auf die Erkenntnis ihrer Gotteskindschaft, die jegliche Unterschiede zwischen den Religionen übersteige.

Lessing beklagte, dass seine Zeitgenossen wieder zur Befolgung des Gesetzes zurückgekehrt seien, statt dem lebendigen Christuswort zu folgen.

Aufgrund seiner Äußerungen war er von der protestantischen Kirche mit einem Schreibverbot belegt worden, woraufhin er sich der Dichtung zuwandte und seinen „Nathan der Weise” schrieb, das Theaterstück, das auf den gemeinsamen Kern der Religionen hinweist. Es scheint ein Stück für eine ferne Zukunft zu sein, … es sei denn, wir verwirklichen es „schon” jetzt.

Abb.: Lessing, Quelle Wikipedia

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