Selbsterfahrung

Vom Schmerz der Trennung

Seit kurzem wohne ich in einem kleinen Ort, ganz nahe an der ehemaligen Grenze zwischen der damaligen Bundesrepublik und der DDR. Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls wurden an mehreren Stellen, an denen vorher die Grenze verlief oder Wachtürme gestanden hatten, große Plakate angebracht, die an Tag und Stunde erinnern, wann die Grenze geöffnet wurde. In der Tageszeitung berichteten Augenzeugen von der Grenzöffnung, vom Durchtrennen der Zäune, vom ersten Besuch im Nachbardorf, das man zwar immer gesehen, das man aber nicht betreten konnte, von der Freigabe der Straßen und Brücken, die vorher blockiert waren.

Jedes Mal, wenn ich das las, bin ich tief berührt. Weshalb? Persönlich hatte ich weder Freunde noch Verwandte in der DDR. Ich vermisste niemanden und wurde von niemandem vermisst, der in der DDR wohnte. Was also, überlegte ich mir, berührt mich so sehr, wenn ich von der Zeit, in der Menschen gegen ihren Willen getrennt waren, lese oder höre und weshalb bewegt es mich so sehr, wenn ich davon lese, wie sie wieder zusammen kommen konnten?

Jede Trennung löst einen tiefen Schmerz aus – die Trennung durch den Tod, die Trennung von einem Menschen, die Trennung von Völkern. Jedes mal, so denke ich, erleben wir etwas, was so eigentlich nicht sein sollte, etwas, das uns tief verletzt. Dass Trennungen, z.B. von zwei Menschen, manchmal sinnvoll, heilend, hilfreich oder gar lebensrettend sein können, spielt dabei offenbar keine Rolle. Weshalb bleibt die Trennung auch in diesen Fällen schmerzhaft?

Erlebe ich Trennung vielleicht deshalb so, weil ich weiß, dass wir Menschen in unserem tiefsten Inneren untrennbar miteinander verbunden sind? Dass wir – so wie wir leben – gegen unser tiefstes Wissen vom Zusammenhang von allen mit allen – verstoßen?

Nun frage ich mich weiter: Weiß ich dies wirklich oder habe ich es nur in heiligen Schriften gelesen und geglaubt? Wie kann ich wissen, dass ich mich nicht täusche?

Mein Schmerz zeigt mir die Wahrheit. Weshalb sollte ich sonst unter der Trennung anderer Menschen oder Völker leiden, also auch dann, wenn es mich persönlich gar nicht betrifft?

Der Schmerz der Trennung, so denke ich, rührt daher, dass wir das größte Gebot, von Angelus Silesius so poetisch als „einzigs Wort” ausdrückt, immer wieder missachten:

„Ein einzigs Wort spricht Gott zu mir, zu dir und allen:
Lieb! Tun wir dies durch ihn, wir müssen ihm gefallen.”

Gemälde: Edvard Munch
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