Persönlichkeiten

Vom Geist der Utopie

Einer der geistigen Vordenker unserer Zeit war der Philosoph Ernst Bloch, der ab 1948 zunächst in Leipzig und ab 1961 in Tübingen Philosophie lehrte. Er war der eigentliche Stichwortgeber für den Begriff „konkrete Utopie”. Was ist Utopie?

Es heißt übersetzt „Nirgendort”. Diesen zunächst rätselhaften Begriff versah er mit dem Beiwort „konkret”. Was wollte er damit ausdrücken?

In jedem Fall etwas sehr Konkretes, das jedoch nicht so ohne weiteres auf der Hand liegt. Gegen Ende des ersten Weltkrieges verfasste er eine Schrift mit dem Titel Geist der Utopie. Darin spricht er recht geheimnisvoll über „die Entdeckung des noch nicht Bewussten”. Bloch sieht ein geschichtetes Bewusstsein. Da gibt es das zunächst Verborgene, das Unbewusste, das zur Klarheit im Verständnis gehoben werden kann. Bloch spricht von der „Mühe des Hellwerdens”, um den Weg zur Sphäre der realen Utopie zu finden. Das ist ein besonderer „Ort”, der in Reichweite der Menschen liegt. Bloch fordert ein klares, nüchternes Gedankenleben. Er sagt: „Denken heißt Überschreiten.” Was soll man überschreiten? Er beobachtete bei den Menschen der Allgemeinheit, dass diese in ihrer Art zu denken nicht bis zu einer höheren Erkenntnisschwelle vorstoßen, geschweige denn diese überschreiten.

In einer öffentlichen Lesung in Frankfurt 1960 führte er aus:

„Viele fühlen sich verwirrt, der Boden wankt und sie wissen nicht warum. Dieser Zustand erzeugt Angst. Wird er bestimmt, so bildet sich Furcht. Doch nun wird mit den Urhebern der Furcht abgerechnet.” Da geht es um die äußeren Zeiteinflüsse und das innereigene dumpfe Empfinden. Wie befreit man sich davon?”

Er liefert den Schlüssel zur realen Utopie, den Hort der absoluten Sicherheit, wo derlei Einflüsse ausgebannt werden können: „Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen.” Hier geht es nicht um ein vages, unbestimmtes Hoffen, sondern um die Entwicklung einer geistigen Sicherheit. „Diese Arbeit ist ins Gelingen verliebt, nicht ins Scheitern. Hoffen ist auch nicht passiv wie Fürchten. Die Affekte des Hoffens gehen aus sich heraus und machen den Menschen weit, statt ihn zu verengen.”

In seinem dreiteiligen Werk Das Prinzip Hoffnung arbeitet er seine Überlegungen zur realen Utopie im Sinne von eigenständigen Empfindungen und Erfahrungen stufenweise immer klarer heraus.

Er versichert: „Utopie ist findbar” und erläutert hierzu: „Das Leben der Menschen ist von Tagträumen durchzogen.” Sie achten nur zu wenig darauf. „In den Tagträumen ist freilich einiges nur Schale auf einer entnervenden Flucht, manchmal auch Beute für Betrüger. Aber ein Teil lässt sich nicht abspeisen. Dieser andere Teil hat das Hoffen, den Kern.” Er ist lehrbar durch das Leben. „Tagträume können der Anfang sein vom Prinzip Hoffnung. Man kann sämtliche Hoffnungsinhalte der Menschheit im Spiegel betrachten, welcher der Menschheit vorgehalten wird. Kunst, Malerei,. Musik, Dichtung, Medizin und Technik gehören dazu.”

Das Besondere an dem Werk Das Prinzip Hoffnung ist auch die Tatsache, dass es in einer mehr als finsteren Zeit entstanden ist, der Stalinära, des Faschismus und der Schrecken des zweiten Weltkrieges. Bloch schreibt darin – zwischen 1938 und 1947 – gegen den Geist der Zeit an. Dass er das Thema einer verinnerlichten Hoffnung in einer der dunkelsten Zeiten aufgreift, ist mehr als erstaunlich. Adorno und Horkheimer zum Beispiel schreiben in ihrem Werk Dialektik der Aufklärung zur gleichen Zeit vollkommen pessimistisch über die Perspektiven der Zukunft. George Orwell entwirft 1940 in seinem Werk 1984 geradezu das Szenario vom Ende der Hoffnung.

Im letzten Teil seiner realen Utopie in Das Prinzip Hoffnung zeigt Bloch Augenblicke der inneren und äußeren Erfüllung auf. Sie enthalten eine Art Theologie. Schwer verständlich auf den ersten Blick, ersetzt Bloch Gott durch einen unbekannten Menschen. Warum tut er das? Dieses Inkognito des unbekannten Menschen lebt „im Reich der Freiheit und wohnt im allerletzten Kanaan” auf dem Feld der realen Utopie. Wir müssen uns fragen, ob wir beim Lesen seines Werkes nur Zuschauer sind, bequem sitzend in einem Stuhl und das Werk gleichsam nur auf der Bühne wahrnehmen. Dann befinden wir uns nicht auf dem Weg zur realen Utopie.

Bloch wird sehr deutlich: „Denn dann versinken wir im riesengroßen Schlaf der Dummheit, dann sind wir dem Höheren entfremdet.” Bloch versucht, das noch nicht Bewusste deutlich und spruchreif zu machen. Er spricht „von Dämmerung nach vorwärts” oder auch von „Vorschein.” Es ist die Morgenröte einer neuen Zeit, deren sich Bloch absolut sicher ist. An anderer Stelle spricht er vom „Vorbewussten des Kommenden, dem psychischen Geburtsort des Neuen.” Er befindet sich in der Sphäre der realen Utopie. Bloch macht seinen Lesern klar: „Es gibt ein unermessliches Reich des noch nicht Gewordenen.” Er will seine Utopie mit geeigneten Menschen zusammen verwirklichen. Er sagt, es gibt einen Funken Hoffnung, der über den Tag hinausgeht. Er sieht eine neue Genesis, an welcher der bewusste Mensch mitarbeiten soll und kann. Blochs anzustrebendes Ende ist „eine Versammlung aller menschlichen Hervorbringung”. Dabei kommt er nochmals auf die Religion zu sprechen:

„Der Wunschinhalt der Religion bleibt Wohnlichkeit im Geheimnis des Daseins.” Der „tiefste Wunsch des Menschen reicht bis zur Wunschruhe.” Man spürt so etwas wie bei einem Buddhisten, der vom Nirvana spricht. Bloch versichert: „Das Humanum gewinnt das Mysterium eines Göttlichen, eine Vergottung hinzu.” Deshalb setzt er seinen Schöpfungsanfang ans Ende der Welt, weil der Mensch erst dort als geeignetes Geschöpf selbst seinen Beitrag zu leisten hat. Bloch vermeidet jede Vorstellung von einem persönlichen Gottesbild, das außerhalb von uns liegt. Am Ende sagt er ganz bewusst: „Wo Hoffnung ist, ist in der Tat Religion.” Die Pointe von Das Prinzip Hoffnung ist die konkrete zu verwirklichende Utopie.

Bildquelle: Wikipedia
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