Selbsterfahrung

Vom Geheimnis, das unbedingt entdeckt werden will

Es war noch früh und ich war unterwegs auf meiner Jogging–Runde durch den nahen Wald, als mir der Gedanke kam: Wie unbeschreiblich erstaunlich und wundervoll ist doch die Natur geschaffen!

Es hatte viele Tage geregnet und die ersten Sonnenstrahlen fielen durch das Blätterdach. Die Bäume wirkten so lebendig , aller Staub war weggewischt. Die Welt um mich herum sah plötzlich so erfrischt, freundlich und heiter aus. Auch mein Herz schien vom Sonnenlicht erhellt zu sein. Warum erfreut uns das Sonnenlicht so sehr? So viele Sonnenaufgänge sind schon gemalt, fotografiert oder besungen worden! Was lieben wir so sehr an einem Sonnenaufgang? Ist es vielleicht ein Licht in mir, das aufgehen und leuchten will?

Manchmal ist es ja auch umgekehrt und nach langer Trockenheit wartet die Erde sehnsüchtig auf Regen. Mit dem Wasser kommt dann das Leben wieder zurück. Selbst in der Wüste fängt es plötzlich überall an zu sprießen. Wo vorher nichts als trockene Erde war, ist dann eine blühende Oase. Und auch das erfreut und berührt mein Herz, das vielleicht selber wie eine Wüste ist, die aufblühen möchte?

Mein Weg führt eine Weile an einem kleinen Bach entlang. Auf dieses Wegstück freue ich mich immer besonders, denn so gerne höre ich dem Plätschern des Wasserlaufes zu. Was liebe ich so sehr an diesem Rauschen? Sagt es mir etwas? Erzählt es nicht etwas vom lebendigen Wasser, von sprühender Lebendigkeit, die auch aus meinem Herzen sprudeln will?

In dem Zusammenhang fällt mir das Meer ein, in dem jeder Bach und jeder Fluss eines Tages aufgehen wird. Wie weit und tiefgründig ist es! Was ist sein Geheimnis? Sehnsüchtig stehen wir am Ufer in Anbetracht seiner unendliche Weite. Sehnsucht wonach? Hat uns jemand verlassen? Vielleicht möchten wir selber weit am Horizont in einem kleinen Schiff im Unendlichen verschwinden, weil dort ein verheißenes Land existiert, wo unser Geliebter auf uns wartet?

Sogar die tosende zerstörende Kraft eines Unwetters fasziniert mich, und lässt mich die Unbezwingbarkeit der Natur erkennen. Oder ist es vielleicht die eigene wilde ungestüme Kraft, die in meinem Herzen gefangen ist und erlöst werden möchte? Für Lao Tze, den chinesischen Weisen, war das Wasser das liebste Symbol für den Weg des Tao.

Mein Jogging–Weg führt weiter einen sanften Hügel hinauf. Von dort oben habe ich eine wundervolle Aussicht weit über das Land. Dabei fallen mir die ganz hohen Gebirge ein. Wie majestätisch sehen sie aus! Ihre schneebedeckten Gipfel scheinen so rein und unberührt und still. Aber auch gefährlich und geheimnisvoll–anziehend, als wenn sie rufen, dass wir sie ersteigen sollen. Wie viele haben beim Ersteigen der Berge selbst ihr Leben gelassen. Was ist das Geheimnis der hohen Berge, dass wir so große Gefahren dafür auf uns nehmen? Was kann es bloß sein, das uns so sehr anzieht? Ist es etwa das „Reine” und „Unberührte”, das uns höchstes Glück verspricht?

Überall begegnen mir Dinge, die mich an etwas zu erinnern scheinen, an etwas, das ich kenne, aber an was? Und woher kenne ich es? Es ist wie etwas aus einer geheimnisvollen anderen, vergangenen Welt, eine Welt, die mich immer wieder auf geheimnisvolle Weise zu rufen scheint. Als wenn sie meine wahre Heimat wäre. Gleichzeitig, während ich darüber nachsinne, wird mir bewusst, dass auch eine von Menschen erschaffene Welt existiert, nämlich der so genannte Fortschritt: Wissenschaft, Religionen, Kriege, Konsum, Hungersnöte, Umweltzerstörung, Krankheiten, Leid und Kummer. Kommen wir uns in unserer selbst erschaffenen Welt nicht manchmal wie in Gefangenschaft vor?

An diesem schönen Morgen hatte ich Glück und freute mich, denn ein Falke zog seine Kreise am blauen Himmel über meinem Weg. Wie erhaben und frei von allen irdischen Bindungen und wie stark erschien er mir, und ich dachte, wie schön wäre es doch, so frei zu sein wie er. Sind wir nicht eigentlich zur Freiheit berufen?

Das letzte Stück des Weges führt durch Weiden und Felder den Hügel hinab. Wunderschön sah der Weg an diesem Morgen aus. Als wenn er sich extra für mich geschmückt hätte, so liebevoll und lebendig sah die Natur mich an. Es kommt mir manchmal so vor, als gäbe es eine Welt, die niemals vom menschlichen Denken, seiner Geschäftigkeit und dem menschlichen Kummer berührt werden kann; doch wir sind uns ihrer noch nicht voll und ganz bewusst. Wie in dem Märchen vom geheimen Garten erscheint mir die Welt. Dort gibt es ein wunderbares Geheimnis, das unbedingt entdeckt werden will. Überall, überall an all den 1000 Ecken der Welt, werden wir darauf hingewiesen. Alles ist bereit uns zu helfen.

„Alles Vergängliche
ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird`s Erreichnis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist`s getan;
Das Ewig–Weibliche
Zieht uns hinan.”

(Goethe)

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