Poesie Lyrik

Über die Schönheit

Immer bin ich auf der Suche nach der Schönheit – und zugleich nach der Antwort auf die Frage, was Schönheit eigentlich ist. Sie scheint etwas Absolutes zu sein. Erstaunlich dabei ist, dass sie uns niemals absolut, also losgelöst von äußeren Umständen, vor Augen tritt. Die Schönheit einer Landschaft ist vom Standpunkt des Betrachters abhängig. Der Anblick, der sich eben noch in schöner Anordnung präsentiert hatte, verschwindet, sobald man sich einige Meter weiter bewegt. Schon wird der Baum nicht mehr von den beiden Bergen flankiert; auch die Sonne ist weitergezogen und wirft ihr helles Licht nicht mehr auf die Wiesen im Hintergrund. Unversehens klingen die Dinge nicht mehr zusammen, sie scheinen einander gleichgültig geworden zu sein.

Die Schönheit eines Menschen zu sehen verlangt oft einen bestimmten Blickwinkel oder die Ausblendung von Makeln. Dennoch: Der Mensch strahlt bei all seiner Zerbrechlichkeit eine Lebendigkeit und einen Adel aus, der seiner Vergänglichkeit spottet. Ist auch dies Schönheit?

In jedem Fall ist das Erlebnis der Schönheit nur ein Moment in Zeit und Raum, gleichsam ein Aufblitzen einer höheren Ordnung in unserem mäßig geordneten Dasein. Vergänglich oder nicht: Etwas Vollkommenes scheint durch und beweist uns, dass das Vollkommene mit unserer Welt, mit unserem Leben zumindest verbunden sein muss. Ist diese Welt auch nicht vollkommen, so wird sie doch von einer höheren Ordnung getragen.

Man kann den Momenten der Schönheit nachjagen und sie sammeln als vermeintlichen Beweis für die Sinnhaftigkeit des Daseins.

Doch sollten wir nicht auch den Versuch wagen, zu der unerkannten Schönheit durchzudringen, die als Urkraft unser Wesen durchzieht? Denn wir sehen den Flügelschlag der Schönheit nur, weil er uns von innen auf gleiche Weise, wie im Vorübergehen, berührt. In der Hingabe an diese Kraft liegt ein neuer Beginn: unvergänglich, lebendig, schön.

Gemälde von C. D. Friedrich: Der einsame Baum
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