Gnosis

Treu sein

In einem Artikel über die Fähigkeit von Vögeln, sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen, wurden einige interessante Phänomene beschrieben. So heißt es da, dass in Berlin Nachtigallen um bis zu 14 Dezibel lauter singen als ihre Artgenossen in den umliegenden, ruhigeren Wäldern. Als ein weiteres Beispiel wurde berichtet, dass Vögel, die in der Nähe von lauten Wasserläufen leben, lauter singen als ihre Artgenossen, die in ruhigeren Gegenden leben. Arten, die sich ihren Umweltbedingungen nicht anpassen können, wie die Goldamsel, die Drosselrohrsänger oder der Hausspatz, sind gefährdet und drohen auszusterben, da sie im Lärm ihrer Umwelt die Partner nicht finden können. Eine Mitteilung fand ich besonders interessant: Zebrafinken, so wurde berichtet, sind normalerweise ihrem Partner lebenslang treu. Bei Lärm verschwindet diese Monogamie. Als mögliche Ursache nimmt man an, dass das Weibchen die vertrauten Laute ihres Lebenspartners nicht hören kann.

Lebenslang mit seinem Partner in Treue verbunden leben – ist dies nicht die Sehnsucht sehr vieler Menschen? Dem gegenüber stehen Erfahrungen von Untreue, Verlassenwerden und Verlassen. Es gibt wohl kaum einen Menschen, der hiervon verschont bleibt. Aber es war nicht nur dieser nahe liegende Gedanke, der mich aufmerken ließ. Ich dachte noch an etwas anderes: Sind wir vielleicht auch in unserer Beziehung zum Göttlichen untreu geworden? Haben wir die Verbindung verloren, so dass wir uns nun einsam, verlassen und von ihm getrennt vorkommen? Haben wir uns „jemand anderem” zugewandt? Einer anderen Kraftquelle? Jemandem, der uns liebenswerter oder attraktiver erscheint? Jemandem, der unserem Ideal besser entspricht? Etwas, das uns mehr Glück verspricht? Größere Zufriedenheit? Jemandem, der unsere Bedürfnisse besser zu erfüllen scheint?

Die Monogamie der Zebrafinken geht verloren, weil das Weibchen – wie die Forscher vermuten – den männlichen Partner nicht mehr hören kann. Könnte es sich bei uns Menschen mit unserer Beziehung zum Göttlichen ähnlich verhalten? Könnte es auch hier der Lärm – der innere und der äußere – sein, der uns die „Stimme der Stille” nicht mehr hören lässt? Der „Lärm” unserer Gedanken und Emotionen? Der „Lärm” unseres Ich-Seins? Die Stimmen, die lauter tönen?

Sind wir deshalb untreu geworden, weil sich der Lärm zwischen uns und die „Stimme der Stille” gedrängt hat oder besser, weil wir es zuließen, dass er sich dazwischen drängen konnte? Haben wir deshalb den Kontakt verloren? Wenn dies stimmt, und ich glaube, dass es so ist, dann müssen wir, um unseren wahren Gefährten zu hören und um ihm treu bleiben zu können, still werden.

Meister Eckhart hat es so formuliert:

„Der himmlische Vater spricht ein Wort und spricht es ewiglich, und in diesem Worte verzehrt er alle seine Macht, und er spricht in diesem Worte seine ganze göttliche Natur und alle Kreaturen aus. Das Wort liegt in der Seele verborgen, so dass man es nicht weiß noch hört, dafern ihm nicht in der Tiefe Gehör verschafft wird; vorher wird es nicht gehört; vielmehr müssen alle Stimmen und Laute hinweg, und es muss eine lautere Stille da sein, ein Stillschweigen.”

(Meister Eckhart, Die Deutschen und Lateinischen Werke. Herausgegeben im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft von Josef Quint, Deutsche Werke )

Foto: CHACH
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