Spiritualität

This is Water – Das hier ist Wasser

Ja, es gibt Spiritualität ohne Religion. Ihr Nutzen liegt unter anderem darin, dass spirituelle Erfahrungen außerhalb von religiösen Dogmen und Denkgebäude gemacht und wiedergegeben werden, so dass man konkret und allgemeinverständlich über sie reden kann. Wenn Jenseitsvorstellungen wegfallen, dreht es sich nur noch um das Jetzt, um das, was jeder im Augenblick erfahren und anpacken kann.
Eines der hervorragendsten Zeugnisse solcher Spiritualität findet sich in der Niederschrift der Abschlussrede, die der Schriftsteller David Foster Wallace 2005 am Kenyon College in Gambier, Ohio hielt.
Darin geht es zunächst darum, über den Tellerrand der eigenen Grundeinstellung des Bewusstseins zu blicken, also wahrzunehmen, auf welcher Grundlage wir die Welt wahrnehmen und mit ihr umgehen. Es handelt also von einer Selbstverständlichkeit gleich der, als Fisch im Wasser zu schwimmen und zu atmen, ohne davon zu wissen. Daher kommt das titelgebende Das hier ist Wasser.
Was David Foster Wallace seinen Zuhörern mitteilen will: Sie haben die Möglichkeit, denken zu lernen. Der Fisch weiß in der Regel nichts vom Wasser, in dem er schwimmt. Soweit können wir folgen. Aber der Mensch weiß doch, was er denkt? Weit gefehlt. Was wissen wir von den Fundamenten unseres Denkens, von all den vollautomatischen Abläufen unserer höchstpersönlichen Gedankenmaschine? Wir befinden uns im Zentrum unseres Bewusstseins und Denkens, und da beginnt bereits das Leiden. Daher fragt David Foster Wallace:
„Wie kann man es vermeiden, sein angenehmes, gut situiertes und respektables Erwachsenendasein wie tot zu verbringen, unbewusst, als Sklave des eigenen Denkens und der angeborenen Standardeinstellung, die einem von Tag zu Tag vorgibt, dass man einzigartig und königlich einsam ist?”
Jedoch, man kann lernen, außerhalb der eingefahrenen Wege der Ichbezogenheit zu denken. Das ist es, was der Autor seinen Zuhörern zeigen will. Dafür ist Achtsamkeit nötig. Mit Achtsamkeit, so schreibt er, ist es auch möglich, jede Situation als sinnvoll und, ja, geheiligt zu erleben. Es kommt nur darauf an, welche Dinge man als bedeutsam einstuft. Mehr noch: Was man anbetet. Hier hat der Mensch die Freiheit der Wahl. David Foster Wallace besteht darauf, dass jeder, auch der eingefleischte Atheist, etwas anbetet – und sei es nur das „winzige schädelgroße Königreich, einsam im Zentrum der Schöpfung”. Es gibt aber auch andere Möglichkeiten. Dabei geht es ihm nicht um „Moralität oder Religion, oder Dogma, oder große extravagante Fragen vom Leben nach dem Tod.” Im Gegenteil, es geht ihm darum, wie man vor dem Tod lebt, um eine Lebenshaltung, die den Lohn in sich selbst hat.
Wie David Foster Wallace letztlich eine Lebenshaltung von Achtsamkeit und Dienstbarkeit propagieren kann, ohne im Mindesten moralistisch oder hohl zu klingen? Ganz einfach, indem er Alltagssituationen auf unterschiedliche Weisen durchspielt und es dem Leser überlässt, die Nebenwirkungen der verschiedenen Denkhaltungen festzustellen. Dabei verschweigt er nicht, dass er selbst manchmal durchaus keine Kraft und ein andermal auch keine Lust hat, die Anstrengung der Achtsamkeit auf sich zu nehmen.
Genaue Beobachtung, vor allem sich selbst gegenüber, Ehrlichkeit und den Willen, täglich neu zu beginnen: das sind die Zutaten eines spirituellen Lebens im Hier und Jetzt, das kann man bei David Foster Wallace sehen und bei Bedarf auf sich selbst anwenden.

Foto: M. Saß
Kommentare

Ihr Kommentar