Poesie Lyrik

Ich wanderte

Ich wanderte Tag für Tag dieselbe alte Straße;
ich brachte meine Früchte auf den Markt, trieb meine Kühe auf die Weide,
setzte mit meinem Boot über den Strom, und alle Wege waren mir wohlvertraut.
Eines Morgens war mein Korb schwer von Waren.
Die Leute arbeiteten geschäftig auf dem Felde; die Weiden waren von Kühen belebt;
die Brust der Erde hob sich unter der Fröhlichkeit des reifenden Reisfeldes.
Plötzlich ging ein Zittern durch die Luft, und mir war, als ob der Himmel mich auf die Stirn küßte.
Mein Geist fuhr empor wie der Morgen aus dem Nebel.
Ich vergaß meinen Weg fortzusetzen.
Ich ging ein paar Schritte vom Weg ab, und meine alte Welt schien mir mit einem Male fremd
wie eine Blume, die ich nur als Knospe gekannt hatte.
Ich schämte mich meiner Alltagsweisheit. Ich verirrte mich im Märchenland der Dinge.
Es war das größte Glück meines Lebens, daß ich an jenem Morgen vom Pfade abkam
und meine ewige Kindheit fand.

Foto: Frank Saß
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