Bild: Vom Suchen
8. September 2020 von Angela Paap

Vom Suchen

Als ich 22 war, hielt ich alle, die von Selbstfindung redeten, für seltsam. Ich hatte keine Vorstellung, was es da zu suchen und zu finden geben sollte. Meiner Meinung nach war ich recht gut mit mir bekannt.
Aber natürlich sucht jeder Mensch sich selbst. Jeder muss ja seinen Platz im Leben finden. Freunde, Familie, Beruf; einen Ort, der ein Zuhause sein kann, und zwar in jeder Hinsicht. Jeder will sich ausprobieren, sich entwickeln, Grenzen entdecken, Grenzen verschieben, vielleicht sogar überwinden. Ich habe das alles getan, wie jeder andere. (Und ich bin noch nicht fertig damit). Ich begann auch, einen spirituellen Weg zu gehen. Dabei hatte ich nicht den Gedanken, etwas zu suchen. Mir ging es um die Arbeit an mir selbst, und um das „Erreichen“.
Heute, mit 55, ist alles anders. Der Gedanke an das Erreichen taucht ab und zu auf, steht aber nicht mehr im Vordergrund. Etwas Grundlegendes hat sich verändert: Alles an mir ist Suchen, ist Lauschen geworden. Dieses Suchen hat, genau betrachtet, weder Subjekt noch Objekt. Es begleitet mich in jedem Augenblick. Es ist meine Art, in der Welt zu sein. Und da ist der Eindruck, dass das Finden eine grundlegende Wandlung sein muss. Es würde alles zentrieren, alles ordnen. Mich, meine Handlungen, die Welt. Es scheint genauso sehr um mich zu gehen wie um das große Ganze. Vielleicht stimmt das ja auch, und in jedem Menschen sucht die Welt – sich selbst.

Foto: Gerd Altmann auf Pixabay

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Alle Felder sind erforderlich.