Alchemie

Stille Nacht

Die Zeit vor Weihnachten bringt uns in eine merkwürdige Stimmung. Das ganze Jahr hindurch haben wir uns der Jagd nach unseren Zielen hingegeben. Seien sie nun materiell, emotional, intellektuell oder spirituell. Vielleicht haben wir sogar schon versucht, in all dem und unserem Leben selbst einen Sinn zu sehen. Wir haben mit wissenschaftlichen Erkenntnissen versucht, uns kundig zu machen. Haben dazu die Esoterik entdeckt, viele Bücher gelesen, fernöstliche Weisheit gefunden. Und ganz sicher haben wir unsere Erkenntnisse mit anderen ausgetauscht, haben unsere Sichtweisen dargelegt und versucht, unsere eigene Anschauung in hitzigen Debatten zu behaupten. Dann haben wir uns im Licht unserer eigenen Erkenntnis gesonnt und wurden wieder vom Sockel gestürzt. Und wenn das Jahr zu Ende geht, sind wir kaum einen Schritt auf unserem Weg, den wir gehen wollten, weitergekommen.

Neue Partnerschaften ließen uns plötzlich die eigenen Fehler in den vorausgegangenen leichter erkennen. Beruflicher Erfolg brachte sowohl Vorteile als auch Nachteile mit sich. Bücher und Theorien widersprechen sich gegenseitig und nach einiger Zeit erscheinen sie plötzlich wieder in einem ganz neuen Licht und wir beginnen von vorne. Esoterik und Religion wurde durch Erfahrung zum Paradox. In Zitaten wie den folgenden wird uns dann das ganze Ausmaß unserer sinnlosen Bemühungen vor Augen geführt :

„Brich mit der Weisheit, und verwirf das Wissen, dann wird das Volk hundertmal glücklicher sein.”
Tao Teh King, Kapitel 19

„Ihr müsst wissen, dass alle Lehren, die ich euch gebe, ein Floß sind.
Alle Lehren müssen aufgegeben werden, ganz zu schweigen von den Nicht-Lehren.”
Diamant Sutra des Buddha

„Darum hält sich der Weise an das Nicht-Tun; er übt die Lehre aus ohne Worte.”
Tao Teh King, Kapitel 2

„Wer wenig spricht, ist er selbst und natürlich.”
Tao Teh King, Kapitel 23

Wir erkennen das Paradoxe in allem, in Wissenschaft, Kunst und Religion, selbst in der Suche nach Erkenntnis und Weisheit und werden einfach nur still. Und genau in diesem Moment passiert etwas ganz und gar Unbeschreibliches. Es ist, als wenn wir etwas wahrnehmen könnten, was die ganze Zeit um uns war und uns nun berühren kann.

Die dunkelste Dunkelheit erzeugt und ermöglicht unsere lichtesten Momente. Die Nacht gebiert den Tag.

Alles scheint nun miteinander verbunden zu sein, wird lebendig und farbenfroh und inspiriert sich gegenseitig immer wieder aufs Neue. Wir schauen auf all unsere Bemühungen, Aktivitäten und Erkenntnisse, lassen dann alles los und stehen plötzlich darüber. Das Einfachste wird, in dem Moment, in dem es geschieht, zum Erhabensten. Alles beginnt zu fließen, heilt sich dabei selbst und indem es sich heilt, erstrahlt es heller und schöner als je zuvor. Es scheint, als wenn ein Vorhang beiseite gezogen wurde. Als wenn höhere und niedere Schwingungsebenen plötzlich aufeinander reagieren könnten.

In allen Völkern, Kulturen und Religionen wird dieses Erlebnis gekannt. Und ganz sicher nicht nur auf unserer kleinen Erde. Es trägt viele Namen. Obwohl es doch unbeschreiblich bleibt.

Wenn Sie wollen, können Sie es auch Weihnachten nennen.

Wir sollten es uns wünschen.

Abb.: Tao te king
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