Gnosis

Spuren

Seit einigen Monaten besitze ich eine Kamera, die mich oft auf meinen Spaziergängen und Wanderungen begleitet. Eines Tages kam ich auf die Idee, mich bei der Auswahl meiner Fotos an ein bestimmtes Thema zu halten. „Spuren” sollte das Motto lauten. Meine Ausbeute war recht umfangreich, denn vieles hinterlässt in der Natur seine Spuren, sei es kurzfristig, wie der Frühstücksschmaus eines Eichhörnchens, ein Orkan oder Fußspuren im weichen Boden oder die Jahresringe eines Baumes, die von guten und schlechten Jahren zeugen. Verschiedene Samen, in denen Leben und wichtige Informationen ruhen, wurden von mir abgelichtet. Manche Spuren überdauern Jahrtausende oder sogar Jahrmillionen, wie etwa Versteinerungen von Muscheln und Kleinlebewesen, die schon lange im Schoß der Erde geruht haben, jetzt aber durch Wasser oder Schneeschmelze ans Tageslicht befördert wurden.

Beim Betrachten der Fotos staunte ich über den Aufwand, den die Natur betreibt, um Begebenheiten, Informationen und Errungenschaften zu konservieren, zu bewahren und weiterzugeben. Warum hält sie es für notwendig, bewährte Strukturen und Muster in ihrem Gedächtnis aufzubewahren?

Auch wir Menschen speichern in unserem Bewusstsein Erlebnisse, Ereignisse und Informationen, an die wir uns noch Jahre später erinnern können. Sie haben in unseren Herzen oder Bewusstsein tiefe Spuren hinterlassen, ob sie uns damals verletzten oder tiefe Freude in uns hervorgerufen haben. Oft genügt schon ein kleiner Anlass, ein Geruch oder ein Bild und schon sind wir mit unserer Vergangenheit verbunden. Wir stellen dann erstaunt fest, dass alles in uns gespeichert ist, ob es uns erfreute oder belastete. Es hat Eindrücke hinterlassen, die uns jetzt unbewusst steuern und zu bestimmtem Verhalten verleiten. Es kann auch sein, dass wir erfahrene Verletzungen immer wieder in unser Gedächtnis zurückrufen und sie immer wieder bedenken. Wir fragen uns dann: Wie konnte mir das nur passieren und wie konnte mir dieser oder jener Mensch solch ein Leid zufügen? Wo liegt die Lösung meiner Probleme? Muss ich mich in Zukunft anders verhalten? Gibt es einen Ausweg?

Die Natur ist so angelegt, dass sie alle Errungenschaften und Bewährtes speichert, um den Fortbestand zu gewährleisten. Es dauert sehr lange, bis sie Erprobtes ändert oder anpasst und auch dann nur, um zu überleben. Sie ist auf Erhaltung und Bewahrung eingestellt. Da wir Menschen Teil dieses Lebensfeldes sind, unterliegen auch wir diesen Gesetzen. Das spüren wir ganz deutlich, wenn wir aus alten Strukturen ausbrechen und neue Wege beschreiten wollen. Tief eingeritzte Spuren können von uns nicht so einfach überwunden werden. Leider!

Auf der Suche nach Lösungsmöglichkeiten kann es sein, dass wir auf Spuren stoßen, die uns auf etwas ganz anderes aufmerksam machen wollen. Sie wurden von Menschen hinterlassen, die einen Ausweg gefunden haben und davon zeugen, dass die Lösung (Erlösung) nicht in dieser Natur zu finden ist. Diese Zeugnisse oder Aufzeichnungen können in uns etwas anklingen lassen, etwas, das schon ganz lange als uralte Erinnerung in uns verborgen war und nun wieder lebendig zu werden beginnt. Indem wir uns auf das, was so lange in uns schlief, richten und ihm in unserem Leben Raum geben, kann es passieren, das wir unsere Probleme aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten und sie dadurch eine andere Wertigkeit
erfahren.

Folgen wir dieser Spur weiter, die wir tief innen als gut, richtig und gehbar wiederentdeckten, stellen wir fest, dass sich neue Welten auftun, in denen andere Gesetze herrschen. Es ist, als ob wir an einer Grenze stehen und in ein neues Land blicken würden. In diesem Land gibt es Licht und Kraft. Das Licht lässt uns die alten, tief eingeritzten Strukturen unseres Denkens und Fühlens erkennen und schenkt uns die Kraft, neue Wege zu beschreiten.

Waren denn unsere bisherigen Lebenserfahrungen, alles Leiden, Ringen und Suchen nutzlos? Ich glaube, dass sie notwendig waren, weil sie uns an diese Grenze gebracht haben und unser Suchen und Finden Spuren hinterlässt, die von anderen Menschen entdeckt werden können.

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