Gnosis

Spaziergang am Meer

Zunächst hörte ich den Schrei der Möwen, es war eine eindringliche Begrüßung. Das Meer nahte. Ich wollte es nach langer Zeit wiedersehen.

In die Offenheit, in die Weite wollte ich wieder hinein. Wasser bis zum Horizont, Bewegung der Wellen, auf ihren Kuppen der Sonnenschein tanzend. Tausend Lichter, tausend Bewegungen. Ich atmete tief durch. Alles fühlte sich frei und leicht an. Salzige Meeresluft, welche Erfrischung! Am Himmel zarte, fast unbewegte Wolkenschleier. Kann es ein sonnenreicheres Lebensgefühl geben? Es öffnet die Poren und erweckt die Seele.

Die Seele?

Die sonnenreiche Impression, ich spüre darin einen Ruf, eine Aufforderung zu einem Weg in Räume des Lichtes. Ich soll erkennen, woher ich kam, woraus ich geworden bin.

Oder ist es eine Einbildung? Es sind doch nur wärmende Strahlen der Sonne, weiter nichts.

Mein ganzes Sein sträubt sich gegen diese Aussage. Träfe sie zu, dann gäbe es nur den Weg von der Wiege bis zum Grab, meine Empfindung wäre eine Erscheinung, die keinerlei Beziehung mit dem All hat. Mein „Innenleben” wäre eine rein private Angelegenheit, getrennt vom kosmischen Geschehen. Ich wäre nur Materie, die einen Körper gebildet hat und sich nun sonnt, eine vorübergehende Erscheinung, die ins Nichts verschwindet, wenn sich der Körper auflöst. Seele – das wäre eine Einbildung, erzeugt von Materieteilchen.

Was ist das eigentlich, der Tod?

Was lebt in meinem Körper? Was belebt ihn? Wer bin ich?

Ich bin Bewusstsein.

Zu wem gehöre ich? Aus wem erwachse ich? Wer ist Grundlage meiner Wandlungen? Habe ich noch eine tiefere Identität?

Worte sagen nicht viel. Aber vielleicht können sie über sich hinaus weisen. Ich spüre: ich bin ein Teil einer Wesenheit, die nur mit einem kleinen Teil ins Sichtbare und ins Bewusstsein getreten ist.

Ich spüre Tiefe, unermesslichen Raum, Innenraum, der so unbegrenzt ist wie das Meer. Seele erscheint mir als die Substanz dieses Raumes, Seele ist dieser Raum.

Der Weltenkosmos hat Außen- und Innenräume. Sie spiegeln sich überall. Sie wollen erkannt werden. Die Innenräume sind nicht leer, sie sind voller Seele, voller Leben. Unser jetziges Bewusstsein ist ein kleiner Anfang.

Die Alten sagten: Wir sind viel mehr, wir sind das Abbild der Welt im Kleinen, ein minutus mundus, eine kleine Welt, in der das All enthalten ist. In dieser kleinen Welt will das All-Bewusstsein sich spiegeln. An jedem Morgen erwacht mein Bewusstsein neu und immer wieder ein wenig anders. Auf geistigen Wegen soll es tiefgreifend verwandelt werden, auf Wegen, die zu neuen, unsterblichen Körpern führen, die stets umfassenderes Bewusstsein ermöglichen, prägen, ertragen.

Unbewegt ruht in mir der göttliche Funke, Spiegel der Gottheit, Aspekt des göttlichen Feuers. Er ist die ewige Quelle des sich wandelnden Bewusstseins, das jetzt „ich” sagt. Wir sind zu viel mehr berufen, als man es uns glauben lassen möchte. Wir sollen in eine innige Beziehung treten mit dem, was im All geschieht, mit dem Welt-Innenraum, der von der Gottheit bewegt wird.

Der Sternenhimmel wölbt sich nicht nur sichtbar um die Erde, es gibt auch ein unsichtbares Sternenheer, das von Leben erfüllt ist. Auch in mir, in der „kleinen Welt”, der ich Ausdruck verleihe, wölbt sich ein Firmament. Dem Menschen ist ein Sternenweg aufgegeben. Die „Sprache der Sterne” ist vielfältig. Zunächst ist es eine Sprache unaufgelöster Vergangenheiten. Vergangenes bindet uns so lange, bis wir es in Erfahrungsschätze verwandelt haben. Lebenssituationen, in die ich geführt werde, weisen mir hierzu den Weg. „Wir sind unseres eigenen Glückes oder Peches Schmied.”

Neue, unerwartete Ausblicke und Perspektiven erschließen sich, wenn ich diesem Weg folge. Die Welt, die Menschen, das Leben enthüllen Bedeutungen, die weit über mich hinausreichen, die mir aber eine Mitverantwortung zuweisen.

Es ist nicht egal, was ich denke und empfinde. Mit jedem Gedanken und jeder Empfindung baue ich an meiner inneren Gestalt und an der der Welt. Aus dem, was gedacht und empfunden wurde, erwächst das Handeln vieler. Ich bin mit verantwortlich.

Der innere Mensch will in mir erwachen, aus der Tiefe der Seele, dem Funken des Geistes.

In einen immer neuen Geburtsprozess soll ich eintreten. Der „Wille des Geistes”, was ist das? Eine nicht definierbare Sehnsucht hat mir ein Empfinden hierfür ermöglicht, das Seelenfeld einer Gruppe hat geistige Nahrung gegeben.

Die Seelenwesenheit geht nicht den Weg ins Grab, zerfällt nicht zu Staub, weil sie nicht aus Staub besteht. Der göttliche Urbeginn wirkt in meiner „kleinen Welt” als nicht endender Schöpfungsvorgang fort. Mein inneres Wesen soll ein Tempel werden, in dem alles einander begegnen kann: Weltganzes, Individuelles, göttlicher Geist. Doch ich muss daran mitbauen. Allein errichtet er sich nicht.

Foto: Hermann Achenbach (Poseidontempel Kap Sunion Griechenland)
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