Selbsterfahrung

Solowjew und der göttliche Faden

12 Kinder meiner Schulklasse sitzen im Kreis zusammen. Wir tauschen die Erlebnisse vom Wochenende aus. Ein Kind hält jeweils den Erzählstein in der Hand, die anderen versuchen zuzuhören. Schon nach zwei Minuten haben vier Kinder keinen Blickkontakt mehr zum Erzählkind, beschäftigen sich mit anderen Dingen oder lassen sich vom Stuhl fallen. Nach ca. 10 Minuten müssen wir die Erzählrunde abbrechen, weil für ein konzentriertes Zuhören keine Aufmerksamkeit mehr herrscht.

Als Lehrer an einer Förderschule für Kinder mit Kommunikations- und Wahrnehmungsstörungen beobachte ich täglich, dass eine stark wachsende Zahl von Kindern nicht mehr in der Lage ist, aufmerksam zuzuhören. Immer mehr junge Menschen zeigen als Folge dieser mangelnden Fähigkeit ein Verhalten, das von Orientierungslosigkeit, Unsicherheit und psychischer Auffälligkeit geprägt ist.

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass in einer Welt der Reizüberflutung eine Generation von Kindern und Jugendlichen heranwächst, die im Bereich der Körper- und Sinneswahrnehmung eindeutig degenerative Entwicklungstendenzen erkennen lässt. Und dabei frage ich mich: Stecken nicht wir alle – auch wenn wir vielleicht über ein halbwegs intaktes Sinnes- und Wahrnehmungsvermögen verfügen – in einem viel zu groß geratenen Anzug, den wir noch gar nicht ausfüllen können? Gibt es darüber hinaus nicht auch noch „höhere Wahrnehmungsorgane”, die in uns zur Entfaltung kommen möchten, würden wir ihnen nur die rechte Aufmerksamkeit schenken?

Eine große Faszination üben auf mich in diesem Zusammenhang Gedanken aus, die Wladimir Solowjew (1853-1900), einer der bedeutendsten Denker und Philosophen Russlands, zu diesem „Entdecken des Innen” geäußert hat. In seinen Aufsätzen über den „Sinn der Liebe” hat er eindringlich auf einen zentralen Auftrag, das Freilegen des Göttlichen im Menschen, hingewiesen.

Solowjew war davon überzeugt, dass die Lebenswirklichkeit des Menschen von einer göttlichen Idee durchdrungen ist, der Idee der All-Einheit. Er vergleicht die Vielfalt des menschlichen Lebens mit einem komplizierten, vielschichtigen Gewebe, in welches ein feiner göttlicher Faden eingewoben ist. Das Göttliche im menschlichen Leben ist in einem Moment sichtbar, im nächsten Moment wieder unsichtbar. Es möchte erkannt und freigelegt werden. Nur für den, der zu sehen und zu hören bereit ist, kann sich in der Alltagswirklichkeit der „göttliche Faden”, ein göttlicher Auftrag offenbaren.

Der Mensch ist dann in der Lage, aus einer Vielzahl ganz unterschiedlicher Stimmen, die in ihm und um ihn herum vernehmbar sind, die eine göttliche Stimme aus dem Inneren herauszufiltern. Wird diese göttliche Stimme wahrgenommen, so bekommen wir auch einen Faden in die Hand, eine neue Leitlinie, die uns alles mit anderen Augen betrachten lässt: unsere Mitmenschen in ihrem Ringen und Bemühen und die Lebensumstände, die wie verborgene Fingerzeige am Wege stehen.

Jeder Mensch ist nach meiner Überzeugung potentiell ein Wesen, das in seinem Leben und in seinem Bewusstsein dieser inneren Schau Raum geben kann. So gesehen kann unser Leben ein großes „Such- und Hörrätsel” werden: In jedem Menschen, der uns in unserem Leben begegnet, können wir auch eine Faser des „göttlichen Fadens” aufspüren, einen Ton der „göttlichen Urmelodie” heraushören, mag er sich selbst dessen auch noch nicht bewusst sein.

Gerade das ist für mich auch Gnosis: das innerliche Erkennen des „großen Gemeinsamen”, das mich im innersten Kern mit jedem anderen Menschen verbindet.

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