6. Juni 2007 von Nele Rausch

So groß bin ich.

Noch gut kann ich mich an die Mauer erinnern, die früher vor unserem Haus stand. Wie mühsam es war, auf sie hinauf zu klettern, und wie stolz und groß ich mich fühlte, wenn ich, endlich oben angekommen, meine kleinen Arme hoch streckte, um zu zeigen, wie groß ich schon war. Neulich führte mich mein Weg wieder an diesen Ort und ich war bewegt, wie sehr diese kleine, kniehohe Mauer in meinem Gedächtnis verankert war. „So groß bin ich!“

Im Laufe meines Lebens habe ich viele „Mauern“ erklommen, habe Erfahrung um Erfahrung verbucht, mich gereckt und gestreckt, um an Dinge heranzukommen, sie zu erobern und, wenn möglich, über sie hinauszuwachsen, habe Ideen und Pläne verwirklicht, meine Träume erfüllt, meine Wahrnehmung geschärft, mein Bewusstsein erweitert. So groß bin ich. Und nun?

An der Grenze angekommen, wo Horizont sich an Horizont reiht, ohne etwas Neues zu verheißen, wurde mir die Enge und Ausweglosigkeit meines Lebens deutlich. Irgendwie schien alles ausgereizt, und das Vorhandene wurde nur in Bewegung gehalten. Eindeutige Veränderungen waren nicht möglich, Ideale versandeten, Freiheit fand ihre Begrenzung, Wahrheit verkehrte sich in ihr Gegenteil. Und alles begann immer wieder von vorn. Alles drehte sich im Kreis. Anfang und Ende war immer das Ich, überall wo ich hinkam, war mein Ich schon anwesend. Es stellte sich dazwischen, in den Mittelpunkt oder blieb im Hintergrund, je nachdem, was es bezwecken wollte. Das Ich diente sich und wärmte sich in der eigenen Sonne.

Erfahrungen reihten sich nahtlos in eine Kette gleicher Erfahrungen, bei denen sich das Ich zum Maßstab der Dinge machte. Mein Bewusstsein fand seine Grenze im eigenen Lebenszustand. Mein Lebenszustand spiegelte mein Bewusstsein, mein Bewusstsein mein Leben. Es war ein Kreislauf, geboren aus dieser Welt.

An dieser Grenze angekommen, wuchs in mir die Sehnsucht nach einer anderen Welt, die nicht vom ich-zentralen Denken, Wollen und Handeln zerstört werden konnte. Ich sehnte mich nach dem Land, in dem „Wolf und Lamm beisammen wohnen“.

Aber mit welchem Bewusstsein sollte ich suchen? Mein Ich kannte nichts anderes als mein Ich. Es konnte nicht anders, es musste so funktionieren, es war aus dieser Welt.

Der Weg, um aus der Zwickmühle heraus zu kommen, konnte nur von einer außerhalb dieser Naturordnung liegenden Kraft gebahnt werden, die etwas Neues in mir wachsen lässt. Diese Einsicht erfüllte mich eines Tages wie ein Blitz. Einer solchen anderen Kraft, einer neuen Sonne wollte ich mein Ego anvertrauen und übergeben.

Mir blieb in diesem Prozess die Aufgabe, aufmerksam zu sein, mir Zeit zu lassen, hinzuschauen, mich nicht drängeln zu lassen, vorsichtig und bedächtig abzuwarten, Abläufe Revue passieren zu lassen…

Aber ist das nicht etwas, was ich schon immer getan habe, zumindest versucht habe? Sicher. Nur hat sich in der Zwischenzeit in mir etwas verändert. Es ist, als ob in mir eine neue Perspektive heranreift, neben dem Ich und auf einer anderen Basis. Es ist so, als ob mein ganzes Wesen immer höher einen Berg besteigt und einen anderen Überblick bekommt. Es gibt eine andere Kraft, eine gnostische Kraft. Sie erweckt etwas Neues, Umfassenderes in mir. Wenn ich intelligent handele, bleibe ich für den inneren Prozess offen und begleite ihn. So wächst etwas in mir, was den Ausweg bahnt. Aber nicht für mein Ich. Es ist der Ausweg, den meine Seele in mir bahnt, und es ist ihr Ausweg. Meine Aufgabe liegt darin, ihren Hinweisen zu folgen, ohne dass sich mein Ich wieder dazwischen drängelt.

Jetzt wird mir auch deutlich, weshalb ich mein Ich so intensiv durchleben musste. Wenn ich nicht all seine Raffinessen, alle Schattierungen kenne, all seine Tricks und Ausflüchte, kann es mir etwas vormachen, mich täuschen, hinters Licht führen und so verhindern, dass ein Weg aus dem Kreislauf heraus gebahnt wird. Der Weg aus diesem Kreislauf heraus kann aber nur geschafft werden, wenn ich bereit bin, auf das Innere zu lauschen, mich diesem Weg hinzugeben, bereit bin, mich zu ergeben, mich in den Dienst dieser anderen Kraft in mir zu stellen.

Im Laufe meiner Kindheit und Jugend musste mein Ich sich aufbauen. Wenn ich als Kind noch über meine „Größe“ jubelte, erkannte ich in ihr später eine erdrückende Last, ein immer enger werdendes Gefängnis, welches im Laufe endloser Zeiten entstanden war und zu dem ich auch meinen Beitrag geleistet hatte. Der mit kindlicher Freude geprägte Satz wandelte sich zur verzweifelten Einsicht: „So groß bin ich!“

Aber in dieser Erkenntnis blitzt ein heller Strahl in meine Welt, der mir die Sicherheit gibt, auf dem richtigen Weg zu sein, denn etwas Neues wächst in mir, das mich still, in innerer Anbetung erkennen lässt: „So groß bist Du, Herr!“

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