Kunst

Sinfonie Nr. 41, Köchelverzeichnis 551 von Wolfgang Amadeus Mozart, Jupitersinfonie

Es gibt Musik, die man immer wieder hören kann. Nie wird man ihrer überdrüssig. Hierzu gehört die Jupitersinfonie. Das bestätigen Musikschaffende und Hörer gleichermaßen. Dabei ist es nicht so, dass, wie in vielen Werken Mozarts, eine einprägsame Melodie im Innern haften bliebe, die zum wiederholten Summen, Pfeifen oder Singen Anlass geben würde, wie es beispielsweise beim Klarinettenkonzert KV 622, bei vielen Arien der Zauberflöte KV 620 oder der kleinen Nachtmusik KV 525 der Fall ist.

Mozart meldet in seinem eigenen Werkverzeichnis in lakonischer Schlichtheit: „eine Sinfonie”. Doch sie bildet einen oder den Höhepunkt Mozartscher Sinfonik, die glanzvolle C-Dur-Sinfonie KV 551, datiert „Wien 10.08.1788”. Ihr Name „Jupitersinfonie” scheint zu recht unlösbar mit dem Werk verbunden, wobei er wohl nicht von Mozart stammt. Dem Bonner und Londoner Geiger Johann Peter Salomon wird die Herstellung des Bezuges zu dem höheren geistigen Hintergrund zugeschrieben.

Nach Hesiods Theogonie ist Zeus bzw. Jupiter der höchste Gott. Die Macht des Zeus hat ihresgleichen nicht: In ewiger Jugend und Kraft thront er in des Olympos‘ schimmerndem Ätherglanze, seine Macht gilt im Himmel und auf der Erde und unter der Erde und durch alle Zeiten. Nach Homer deutet sein Name auf Himmel und Licht. Der Himmel in Äther und Wolken ist sein Aufenthalt. Leben und Tod liegen in seiner Hand.

Mozart scheint die Musik wie eine Offenbarung aus dem Kosmos, aus hohen Gebieten – jenseits des menschlichen Zugriffs -, empfangen zu haben. Er schrieb die Jupitersinfonie zusammen mit den beiden älteren, aber sehr verschiedenen Schwestern, den Nrn. 39 und 40 des Köchelverzeichnisses, innerhalb von sechs Wochen im Sommer 1788.

In strahlendem Glanz, Vielfarbigkeit und mit Facettenreichtum erklingt die Sinfonie. Im Andante cantabile wendet sie sich kurzfristig, kaum merklich, nach c-moll. Schwerelose Grazie durchzieht das Menuett und das Kunstvollste ist ohne Zweifel der 4. Satz, das Molto Allegro. Er besteht aus einer Synthese aus Homophonie und Polyphonie, von Sonatensatz und Fuge und vereint Barock und Klassik auf höchster Ebene. Zuvor war diese Aufgabe in der Musikgeschichte unlösbar.

Ich sitze im Konzertsaal und die Musik erklingt atemberaubend und gleichzeitig auf selbstverständliche Art und Weise, mit höchster Eleganz und Natürlichkeit. Mozart bejaht die kosmische Ordnung, jede falsche Note wäre eine Verletzung derselben. Der eigentliche Höhepunkt, die Coda, die lange vor Beethovens Eroica in einem genialen Kraftakt alle kontrapunktischen Künste konzentriert, scheint schwerelos, schwebend, voller Geheimnis. Hohe geistige Konzentration berührt mich – eine mozartsche Meditation? Pauken und Trompeten beenden die Sinfonie und preisen Zeus mit einem sinfonischen Fest. Jupiter erscheint unsichtbar auf ätherischen Wolken in majestätischer Größe und Kraft.

Die Sinfonie ist ein Triumphgesang, gerichtet an das Göttliche, und sie berührt das Göttliche im Menschen. Musikalisch wird der Hörer zu kraftvoller Herrlichkeit erhoben – eine Beglückung des Seins.

In wunderbarer Einheit verschmelzen die kontrapunktischen musikalischen Bögen. Es findet eine Wechselwirkung zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos statt. Mozart kannte die Urgesetze, er führt den Kampf und die Vermählung der Gegensätze zu höherer vollkommener Einheit. Kaum ist die Empfindung schöner auszudrücken, als es Grillparzer über den Genius Mozart formulierte:

Glücklich der Mensch, der fremde Größe fühlt
und sie durch Liebe macht zu seiner eigenen.
Denn groß zu sein ist wenigen vergönnt. –
Er aber klomm so hoch, als Leben reicht,
und stieg so tief, als Leben blüht und duftet,
und so ward ihm der ewig frische Kranz,
den die Natur ihm wand und mit ihm teilet.

Alfred Einstein spricht in seiner Mozartbiografie vom ewigen Augenblick in der Musikgeschichte – ist dem noch was hinzuzufügen? Mozart erreicht mit seiner Musik ein Niveau der Abstraktion, das dem Hörer die Erfahrung ermöglicht, mit dem reinen geistigen Hintergrund, dem schöpferischen Quell selbst, Kontakt aufzunehmen. Ist es vielleicht die Aufgabe der großen Komponisten, mit ihren musikalischen Impressionen zwischen den Welten zu vermitteln? Mozart lässt jedenfalls die göttliche Lyra, die Harfen des Orpheus und des Apollon erklingen.

Empfehlung: CD-Aufnahme mit den Wiener Symphonikern oder dem RSO Berlin, Dirigent Ferenc Fricsay
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