Poesie Lyrik

Selbstfindung

Ich kenne ein Bild, auf dem ein Mensch einen großen Stein den Berg hinauf wälzt, einen Stein, der viel zu schwer ist. Er bewegt sich auf einem steilen Abhang – ein falscher Schritt, und er stürzt hinab ins Ungewisse. Doch das Bild vermittelt uns den Eindruck, dass er es schaffen wird. Er macht etwas scheinbar Unmögliches möglich.

Sein Blick ist nicht auf den Stein gerichtet, sondern allein auf das Ziel.

„Wer das Ziel nicht kennt,
kann den Weg nicht haben,
muss nur immerfort,
im gleichen Kreise traben”

sagt Christian Morgenstern in einem seiner vielen tief durchdachten Gedichte. Nur durchdacht? Nein, erprobt, erprobt ohne Angst, ob es gelingt. Die Angst vor der Angst ist bei vielen so immens, dass es eines erheblichen Stehvermögens bedarf, um durch die innere Angstwand hindurch gehen, hindurch leben zu können. Dahin muss ein Mensch reifen. Doch: „Man kann keine Grenzen überschreiten, wenn man sie nicht gefunden hat und bis an ihr Ende gegangen ist.” (Rainer Maria Rilke)

Dann, ja dann kann jeder, der es aus einem innersten Bedürfnis heraus will, einen noch so schweren Stein, den Stein der Selbst-Findung, nicht mittels seines Ego, sondern durch die innere Kraft der Seele, mühelos auf den Gipfel des Neuerlebens seines Seins bringen.

Sisyphos Staatliche_Antikensammlungen:wikipedia
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