Poesie Lyrik

Sehnsucht

„Holde Anemone,
Bist du wieder da
Und erscheinst mit heller Krone
Mir Geschundenen zum Lohne
Wie Nausikaa?”
So schrieb Elisabeth Langgässer am Anfang ihres
Gedichtes „Frühling 1946”. Sie verfasste es für ihre
Tochter, die noch im Konzentrationslager Auschwitz
vermisst wurde.
Das Grauen der NS-Zeit im Nacken wird diese
Blume für sie zum Symbol der Hoffnung und des
Trostes. Sie vergleicht die Anemone mit der Schönheit
und Anmut der griechischen Königstochter Nausikaa
aus der Odyssee von Homer.
Odysseus strandet nach langen Irrfahrten – verfolgt vom
Zorn des Meeresgottes Poseidon – (im übertragenem Sinn
dem Herrscher über das Unterbewusstsein) – nackt und
beschmutzt auf einer Insel. Er schläft in einem Versteck
am Strand und wird plötzlich durch das muntere Ball-
spiel Nausikaas und ihrer Freundinnen geweckt.
Dieses Ballspiel voller Unbekümmerheit und Leichtigkeit
erfreut den armen Gestrandeten und lässt ihn auf Zuwendung
und Hilfe hoffen.
Auch in unserer Seele, die manchmal von der Last des Schicksals
niedergedrückt sein kann, können diese Bilder die Sehnsucht
nach einem reinen und unbeschwerten Leben wecken, wie
wir es vielleicht aus der Kindheit kennen.
Am Ende ihres Gedichtes beschreibt die Autorin diese Sehnsucht
auf sehr schöne Weise:
„Anemone! Küssen
Lass mich dein Gesicht
Ungespiegelt von den Flüssen
Styx und Lethe, ohne Wissen
Um das Nein und Nicht.
Ohne zu verführen,
Lebst und bist du da,
Still mein Herz zu rühren,
Ohne es zu schüren,
Kind Nausikaa!”

Foto: MabelAmber, Pixabay, CCO

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