Selbsterfahrung

Schwingende Säule – Eine Erzählung der Sufis

„Vor langer, langer Zeit lebte in einem nur schwer zugänglichen kleinen Ort ein alter Mann, der seit Generationen die Kunst der Metallschmiede erlernt hatte. Für gewöhnliche Dinge des Alltags benutzte er zumeist Kupfer, mit ein wenig Gold vermischt. Doch da erhielt er den Auftrag, eine Säule für den heiligen Tempel zu schmieden. Er verfertigte sie aus reinem Gold, und nur der besseren Haltbarkeit wegen mit ein wenig Kupfer gemischt. Doch mehr noch: Während seiner Arbeit an dieser Säule sprach er in Gedanken immer wieder ein heiliges Ritual, so dass es mehr und mehr „schwingend” in ihm war. Und als er die Säule beendet hatte – schwang auch diese Säule, aufgestellt in dem heiligen Tempel. Die Schwingung der Säule war nicht sichtbar – aber wer sich mit seinem ganzen Sein dem Geschehen während des Gebetes öffnete, spürte die Schwingung und sie bewirkte in ihm eine helfende Kraft im Weitergehen des Weges zur Einheit mit Gott, dem Vollkommenen.”

Wir alle, gleichgültig zu welcher Rasse oder zu welchem Volk wir gehören, leben in einem ständigen Schwingungsvorgang, oder, besser gesagt, in einer „Schwingungsebene”. Diese Ebenen sind von sehr unterschiedlicher Art, entsprechend unserem Denken und Fühlen. So gibt es viele Menschen, die zufrieden sind mit ihrem Leben, solange es ihnen das gibt, wonach sie verlangen. Sie sind freundlich, hilfsbereit, und somit absolut positiv im üblichen Sinne. Und dennoch fehlt etwas – sie vermögen nicht, die Seele ihrer Mitmenschen zu berühren, die, vielen unbewusst, so sehr nach Nahrung verlangt.

Die Welt, in der wir leben, dreht sich immer schneller und wir uns mit ihr. Wir erfahren voll Sorgen und Ängsten von all dem Horror der durch die Menschen verursachten Gewalten oder auch von dem Leid durch Naturkatastrophen. Und hier stellt sich die Frage: Stehen wir im „Mitbewegen” mit diesem äußeren Geschehen, oder vermögen wir, wenn wir das Leben mit einem Rad vergleichen, uns von dem Außenrand her nach dem Mittelpunkt hin zu bewegen?

Je näher wir der Achse kommen, desto weniger berühren uns all die äußeren Wirbel, bis eine wunderbare Ruhe in uns eintritt. Dann schwingt etwas in uns, in jeder Zelle unseres Wesens, gleich einer Resonanz der Ruhe. Dann ist jede Handlung, die wir seelenbewusst ausüben, eine heilige, heilende, helfende Handlung. Wir werden zu der „schwingenden Säule”, die im Tempel des Ewigen verankert ist.

Fotos: Hermann Achenbach
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