28. Mai 2019 von Gudrun Wegeleben

Schatten und Licht

Bei einem Aufenthalt in Prag besuchte ich auch das ehemalige

Judenviertel, das Prager Ghetto. Dabei konnte ich mich der be-

drückenden Atmosphäre, die über diesem Stadtteil lag nur

schwer entziehen.

Im Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein mussten die jü-

dischen Mitbürger dort streng isoliert leben. 1849 wurde das

Ghetto endlich aufgelöst und saniert. Vorher standen die Häuser

dichtaneinandergedrängt, sie waren baufällig und im Inneren

lichtarm. Wegen der räumlichen Enge konnten sich die Men-

schen kaum voneinander abschotten. Das tägliche Elend in Ar-

mut und Schmutz führte zu Bespitzelung und Gewalt.

In dem Roman „Der Golem“von Gustav Meyrink (erschienen1915)

beschreibt der Dichter u. a. eine Episode aus dem Leben des

sensiblen Künstlers A. Pernath, der in einem kleinen Zimmer im

Ghetto lebt und arbeitet. Dieser wird von seinen drei handfesten

Freunden eines Tages in ein Lokal eingeladen, um etwas zu trinken

und sich ein bisschen zu amüsieren. Er erlebt dort, wie sich Tanz,

Alkoholrausch, Prostitution und Korruption zu einem wilden Wirbel

steigern. Von Lebensekel ergriffen wird er ohnmächtig. Seine Freunde

tragen ihn auf einer Bahre in das Zimmer seines Nachbarn, des Archi-

vars Hillel. Dieser Mensch ist durchlässig für göttliche Kräfte

und kann Pernath aus seiner Erstarrung lösen.

„Das Leben kratzt und brennt wie ein härener Mantel, aber die

Sonnenstrahlen der geistigen Welt sind sanft und erwärmend,“

sagt er. Mit diesen Worten ziehen Friede und Gelassenheit in den

verstörten Pernath ein.

Die absurden und abgründigen Vorgänge in seiner Umgebung

üben keine Macht mehr über ihn aus.

Foto: Pixabay

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