Selbsterfahrung

Russisches Erbe

Vor einigen Monaten entstand vor meinem inneren Auge während einer kinesiologischen Behandlung ein wunderschönes und rätselhaftes Bild. Ich sah eine Bergkette, die sich in einem großen Kreis schloss. Die Gipfel hatten unterschiedliche Höhen, manche waren im Nebel versunken, andere lagen klar und sonnig vor mir, wieder andere waren von Schnee umhüllt. Zwischen zwei Gipfeln im Vordergrund stand ein frisch geschnittenes, einfaches gelbes Kreuz. Es war so nah, dass es mir schien, ich spürte den Duft des Holzes. Dann war da noch ein anderes Kreuz. Es war ganz klein. Zunächst verstand ich nicht, dass dies an der Entfernung lag. Es stand auf der anderen Seite der Bergkette. Beide Kreuze wurden von leichten Wolken umhüllt, die goldgelb glänzten, was der Landschaft eine mystische Atmosphäre verlieh.

Das Bild von den zwei Kreuzen aus gelbem Holz prägte sich mir tief ein. Ich fragte mich in den folgenden Wochen immer wieder, was es bedeutet. Ich bin Russin und denke, dass sich mir in diesem Bild etwas von meinem russischen Erbe zeigte. Eventuell wurde mein Inneres zum ursprünglichen Christentum in Russland geführt und zu denen, die es in sich trugen und sich in den Dienst von Gott und den Mitmenschen stellten. Solche Kreuze, wie ich sie sah, wurden auf den Gräbern von Menschen errichtet, die ihr Leben geheiligt hatten. Es waren einfache Holzkreuze, die jedes Jahr erneuert wurden.

Ich las daraufhin etwas über das Starzentum. Es war ein Christentum, das neben der offiziellen Kirche bestand. Es gründete sich auf inneres Wissen. Die Starzen („Väterchen”) lebten in der Regel in einem Haus oder einer kleinen Kirche aus Holz, die sie selbst errichtet hatten, oft einsam, oft umgeben von Schülern. Sie besaßen besondere Gaben. So heilten und weissagten sie und vergaben Sünden. Tausende von Menschen, die ein schmerzliches und leidvolles Schicksal hatten, suchten sie auf. Sie empfingen Trost, Linderung und Wegweisung zu Gott. Der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski, der starke Seelenkämpfe zu bestehen hatte, besuchte häufig einen Starzen. In seinem Buch „Die Brüder Karamasow” entwirft er ein lebendiges Bild einer solchen Persönlichkeit.

Es gibt viele Geschichten über die wunderbaren Körper- und Seelenheilungen der Starzen. Ihre innere Kraft und klare Ausrichtung auf Gott, der im Innersten eines jeden Menschen lebt, machten sie zu besonderen Menschen. Sie verbanden ursprüngliches Christentum mit der russischen Erde. Nicht jeder von ihnen erhielt ein Kreuz aus frischem Holz auf seinem Grab. Doch ihre Dienstbarkeit an Gott und Mensch prägte sich in das Gedächtnis des Volkes und der Erde ein und taucht immer wieder daraus hervor. Wie offenbar auch bei mir.

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