Freiheit

Rom – Campo dei fiori – Giordano Bruno

Was Kant und Nietzsche als Perspektivismus beschrieben, war für Giordano Bruno bereits heute vor 450 Jahren selbstverständlich. Jeder Mensch nimmt wahr aus seiner Perspektive. Wechselt die Perspektive, ändert sich das Geschehene. Geist ist unendlich. In ihm sind alle Perspektiven denkbar. Der denkende Mensch kann viele Perspektiven einnehmen …

Ein gefährlicher, ja tödlicher Gedanke vor 450 Jahren.

Der Gedanke ist schwindelerregend. Dogmatiker und Bewahrer des Konservativen taten ihn als Schwindel ab und bekämpften den ihn Aussprechenden bis aufs Blut.

In Architektur und Gartenbau wurde der Perspektivwechsel nach seiner Entdeckung bewundert und bejubelt. Optisch treffen sich zwei parallele Baumreihen am Ende! Aber im Denken war und ist Perspektivwechsel Ketzerei. Giordano Bruno war ein Ketzer. Für ihn lebte die Materie, das All war ein beseelter Körper. Der Mensch ist Gott!

Seinem Bewusstsein wird alles bewusst, er durchmisst das Universum. Liebe lässt ihn aufbrechen – die Fähigkeit, zu lieben, macht ihn bereit zum Aufbruch. Nichts hält ihn fest, nichts hält er fest. Alles ist Nichts.
Das Kleinste enthält das Größte und umgekehrt.Der Mensch besitzt die Fähigkeit, dies zu denken. Aufklärung vor 450 Jahren durch vorurteilsfreies Denken.

So wie Pico della Mirandola arbeitete Bruno nach dem Vorbild Ramon Llull´s an einem neuen philosophischen Weltfrieden (pax philosophiae). Brunos ideales Ziel war der Zusammenschluss der religiösen Richtungen im Sinne der friedlichen Koexistenz und gegenseitigen Akzeptanz der Ideen und Gedanken. Die Wahrheitssuche aus verschiedenen Perspektiven. Diese Gedanken äußerte er in einer Zeit der brutalen Gewalt, der Lynchjustiz und der Inquisition.

Seine Bewegtheiten beschreibt er in seiner Schrift „Eroici Furiori” (Heroische Leidenschaften) 1585 als Abneigung und Liebe, Angst und Hoffnung. Diese bestimmen die Erfahrung. Und die Wertungen ändern sich, sobald sich der Blickwinkel ändert. Zwischen Seele und Körper befindet sich der Ätherkörper, so Bruno. Dieser lenkt die Sinneswahrnehmung. Der Mensch, dem diese Perspektive bewusst wird, nimmt völlig anders wahr als der vom Leben Getriebene. Dessen Stadium nennt Bruno das „Eselsstadium”. Nietzsche spricht vom Herdentier. Der Mensch, der unbewusst aus Dogmen und tradiertem Automatismus handelt, kann sich vor Manipulationen durch Mitmenschen kaum schützen.

In seiner bereits lange vor Leibniz postulierten Monadenlehre beschreibt er die ursprüngliche, unkennbare Emanation der Gottheit als höchste Vernunft (primus intellectus). Sie bezeichnete er als Logos, als die metaphysische Kraft, mit der die Weltseele (anima mundi) den universellen Ursprung, die unendliche Allgegenwart bildet. Geist und Seele beleben den Kosmos. Er setzt sich aus den Einheiten der Urschöpfung zusammen. Das sind die Monaden, ewig unzerstörbare Bestandteile des Universums, von denen keine der anderen gleicht. Jede Monade vergegenwärtigt die ganze Schöpfung wie ein Hologramm und ist zugleich individuell. Sie ist im Kern die den Menschen steuernde Urkraft. So ist der Zusammenhang zwischen Individuum und Absolutheit erklärbar und erkennbar. Die Wirklichkeit ist die Verwirklichung des schöpferischen Vermögens der Monaden.

Diese Vorstellung von der Schöpfung ist frei von Dogmen und lässt jede Perspektive in der Betrachtung zu. Sie ist offen für weitere menschliche Involution (noch stärkeres Anhaften am Materiellen) und für eine Evolution, eine Befreiung von stofflichen Zwängen, Dogmen und Bevormundung. Da der „Faden der Ariadne” noch nicht zerrissen ist, kann der Mensch sich jederzeit dem geistigen Ursprung wieder zuwenden und die Rückkehr in die Einheit beginnen.

Diese Sicht der Dinge entspricht nicht den üblichen Vorstellungen – weder damals noch heute. Auch heute werden Konservative sie als ketzerisch bezeichnen. Sie eröffnet es jedoch jedem Wesen, den Pfad zum Göttlichen aus eigener perspektivischer Einsicht zu gehen. Aufgrund dieser „lebensgefährlichen Betrachtungsweise” fordert Bruno Gedankenkontrolle ein. In seiner Abhandlung „Über Magie” warnt er vor Missbrauch und Profanisierung perspektivischer Gedanken und Ideen. Bruno hat wie Nietzsche den Missbrauch vorhergesehen. Die Aufhebung der „unumstößlichen” physischen und metaphysischen Dogmen führt zur Erosion fester Bedeutungen, Normen und Werte. Letztlich führt sie zur Vernichtung dessen, was als absolut galt und gilt. Übrig bleibt nur das All–Eine und das Verschiedene.

Wenn also die Wahrnehmung des Menschen von der Perspektive abhängt, dann werden wir uns der Relativität unserer Wahrnehmung bewusst und gelangen zum sokratischen Nullpunkt, zu der Erkenntnis, dass wir nichts absolut wissen.

Vor 450 Jahren konnte dieses Drama nur vor den Kirchenrichtern der Inquisition und mit der Folter enden. Am 17. Februar 1600 wird Giordano Bruno nach sieben Jahren Gefängnisaufenthalt in der Engelsburg, dem Kerker des Heiligen Officium, auf dem Campo dei Fiori in Rom öffentlich bei lebendigem Leibe verbrannt. Als dem schon Sterbenden das Kruzifix vorgehalten wird, wendet er mit verächtlicher Miene sein Haupt …

Heute stehe ich auf demselben Platz, dem Campo dei Fiori, und betrachte inmitten alltäglichen Markttreibens das Denkmal einer scheinbar düsteren Gestalt. Auf vier Reliefplatten erkenne ich Details aus seinem Leben. – Hier verkohlte sein Körper. – Hier verdampfte sein Blut. – Oh Gott!

Mit dieser Perspektive erscheint mir auf einmal Giordano Bruno als der einzige Erleuchtete auf damaligem römischen Boden. Seinen Schergen, den bei der Urteilsverkündung anwesenden Kardinälen, hält er entgegen: „Mit größerer Furcht verkündet ihr vielleicht das Urteil gegen mich, als ich es entgegennehme!”

Sein Freiheitsdrang und der vorausgeahnte und vorausgefühlte Paradigmenwechsel aufgrund neuer sich ankündender Strahlungswerte machten Bruno absolut sicher. Konservative Strukturen ängstigen sich vor Paradigmenveränderungen – an Bewährtem klammert man sich. Die Erhaltung des status quo untermauert die Herrschaftssicherung. Paradigmenwechsel verunsichern die Machthabenden und werden bekämpft.

Für Giordano Bruno sind sie Grundvoraussetzung für Evolution und Entwicklung zum Geistig-Seelischen.

Fotos: Hermann Achenbach
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