Gnosis

Presbyter und Sheik

Das deutsche Wort „Priester” kommt von Presbyter und bedeutet – wie Sheik – Ältester. Es wird im Christentum oft veräußerlicht auf 2. Mose 18,13 bezogen, wo Mose, „redliche Leute, die Gott fürchten”, als Älteste einsetzte.

Wir kennen Priester meistens als Menschen, die metaphysische Gesetze aus den Berichten von Propheten entwickeln und eine die Emotionen begrenzende Moral erarbeiten und überbringen. Wenn man die historischen Priesterschaften der Hochreligionen ansieht, gibt es einige interessante Phänomene:

Gemäß der Tradition schreiben Rabbiner, Priester, Imame, Mönche und Nonnen die Schriften ihrer Lehrer und Propheten ab, lesen sie, übersetzen sie, verlesen sie, interpretieren sie im Gespräch. Talmud, Katechismus und die Hadithen sind zum Beispiel Ergebnisse solcher Interpretationen und Diskussionen. Ferner kennen wir die mündliche Überlieferung. Bei dem sehr umfangreichen Buch Jesaja zum Beispiel wurden über 1000 Jahre mündlich überlieferte Aussagen zu einem bestimmten Zeitpunkt schriftlich fixiert und man stellte in der Folgezeit fest, dass sie nicht im geringsten von bekannt gewordenen ältesten Schriftfunden abwichen. Es gab zu allen Zeiten eine Schulung bei Priestern die sie lernen ließ, Texte einfach nur weiter zu geben und der Versuchung zu widerstehen, sie zu kommentieren. Auch der Zen kennt eine solche Disziplin. Sie ist nicht nur Mittel, um Emotionen und Triebe zu kanalisieren, sondern auch ein Brauch, um mit dem Intellekt und dem damit verbundenen Selbstbewusstsein umzugehen. So gab es stets Tätigkeiten, die den Intellekt in Bewegung hielten. (Wie einem gefährlichen Raubtier wurden ihm „Fleischstücke” hingeworfen.) Und es gab Aufgaben, bei denen Texte in absoluter Disziplin zu übertragen waren, ohne dass etwas hinzugefügt werden durfte. Die Texte sollten so, wie sie sind, auf das Bewusstsein wirken.

In dem Wechselspiel von eigener, bewertender intellektueller Tätigkeit einerseits und Stille und Disziplin andererseits wurden die Priester irgendwann unbemerkt am Intellekt und seinen Wertungen vorbei mit dem Grenzenlosen und Allerbarmenden verbunden. Tröpfchen für Tröpfchen sickerte etwas von der All-Liebe und dem begriffslosen Wesen des Geistes in die Köpfe hinein. Das Hohelied Salomos und die Hymnen des Paulus, die Sehnsucht nach Befreiung in den Psalmen, das Erbarmen in den Geschichten von Jesus, das durchscheinende Tao, Nirvana und Advaita in den asiatischen Lehren, die Basmalla und Shahada, sie bahnen sich ganz leise ihren Weg, bis „Der, der immer da ist”, erfahrbar wird. Der Alte, das Ewige im Menschen, erscheint. Die Schleier der rastlosen Mentalität weichen der sanften, sich entwickelnden Liebe.

Auf einem solchen Weg dem „Älteren” im eigenen Innern zu begegnen, ist nicht an ein Amt, eine Konfession oder Kultur gebunden. Allerdings muss, wie in der biblischen Geschichte, der Geliebte (David) dem Goliath beständig einen Stein an den Kopf werfen. Dann kann das Geistige im Innern, der Alte, der voller Liebe ist, endlich sichtbar werden. Priesterliches Leben findet, wenn man es so erlebt, nicht hinter Klostermauern statt, sondern überall, wo der Intellekt auf seinen Platz gewiesen und vom Anderen durchbrochen wird.

Diese Art von Priesterschaft ist noch ziemlich unbekannt, obwohl sie in allen Kulturen und Religionen angelegt ist und von denen, die es fassen konnten, auch immer umgesetzt wurde.

Nicht jeder Mensch hat die Muße und die Möglichkeiten, heilige Schriften zu studieren, viel zu philosophieren, nachzudenken oder zu meditieren. Viele Menschen sind durch soziale Umstände heute aber in der Lage, mit einer solchen mentalen Vertiefung und Verfeinerung zu beginnen. Sie haben durch die unbemerkten mystischen Anteile in den Schriften die Möglichkeit des Geistkontaktes und können „den Ältesten” in sich kennen lernen. Deshalb gab und gibt es die priesterlichen Methodiken, die in priesterliche Lebensweisen einmünden sollen, durch die man irgendwann das Sein nicht mehr zu erdenken braucht, sondern einfach ungetrübt an ihm teil hat.

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