Gesellschaftsfragen

Interview – Was ist der Geist der Zeit? Teil 1

Die Stiftung Rosenkreuz im Gespräch mit Conrad Westhoff

Stiftung Rosenkreuz: Gib uns zu Beginn eine kurze Definition des Phänomens Zeit-Geist.

Conrad Westhoff: Der Zeit-Geist ist ein Symbol, ein Synonym für die Summe der Einflüsse, die die Lebensweise eines Menschen für die Dauer seines Lebens maßgeblich bestimmen.

SR: Wie kann man das Phänomen Zeit-Geist charakterisieren?

CW: Der Zeit-Geist ist ein kollektives, gesellschaftlich bezogenes kulturelles Phänomen. In gewissem Sinn ist er „zeitlos”. Für das Bewusstsein und die Wahrnehmung des Menschen hat er keinen Anfang und kein Ende. Er wirkt alle Zeitalter hindurch rund um den Globus.   Zeitgeist ist für den einzelnen Menschen der Zeitraum, in dem er lebt, den er durch unmittelbare Erfahrung überschauen kann und von dem er beeinflusst wird mit allem, was in dieser Zeitspanne geschieht.

SR: Und wie wirkt der Zeit-Geist auf die Menschheit als Ganzes?

CW: So wie der einzelne Mensch einige Jahrzehnte seines Lebens den Einfluss des Zeit-Geistes erfährt, so wirkt er in größeren Zeit-Rhythmen auf die Menschheit und prägt die aufeinanderfolgenden Epochen. Denken Sie zum Beispiel an die Renaissance oder das sogenannte Zeitalter der Aufklärung.

SR: Was ist das für ein Wesen, der Zeit-Geist?

CW: Der Zeit-Geist ist keine zentrale Instanz, sondern ein mehrdimensionales Gebilde, ein Gemisch aus vergangenen Zeiten, der Gegenwart und den Projektionen in die Zukunft. Der Zeit-Geist ist wie ein strömender Fluss, ohne feste Form, dennoch hat er eine geordnete Struktur. Sein vibrierendes Feld entsteht sozusagen jeden Tag aufs Neue. Es durchdringt jeden Lebensbereich und beeinflusst die aktuell lebende Menschheit mit seinen verborgenen und seinen sichtbaren Wirkungen.

 SR: Wer hat ihn geschaffen? Ist er eine menschliche Konstruktion oder gottgegeben?

 CW: Sowohl als auch – Ich gehe von einem spirituellen Welt-Bild aus, das zwei völlig verschiedenartige Prinzipien beschreibt, die beide im Zeit-Geist zur Wirkung kommen: die horizontalen und die vertikalen Energieströme. Auf der horizontalen Ebene sind es die Aktivitäten der Menschen selbst, einschließlich der damit verbundenen Gedanken und Gefühle. Dazu kommen neben den eben genannten mikrokosmischen Kräften des einzelnen Menschen auch nicht-menschliche Kräfte, die für unseren Maßstab einen überzeitlichen Charakter haben. Es sind Energieströme aus der Erdatmosphäre, aus dem Kosmos bzw. aus unserem Sonnensystem und aus dem Makrokosmos. Außerdem wirken vertikale Strömungen in die Horizontale hinein, die Ewigkeitscharakter haben. Es sind Impulse aus der geistigen Welt. Dies ist im Allgemeinen wenig bekannt. Die alten Weisheitsschriften bezeichnen sie als Kräfte des göttlichen Geistes und sprechen in diesem Zusammenhang von der Ewigkeit, die in die Zeit eindringt. Das universale Symbol des Kreuzes macht dies deutlich.

 SR: Wie kommen die Einflüsse des Zeit-Geistes zustande?

CW: Die Inhalte des Zeit-Geistes werden in der Welt, in der Materie sichtbar in einer Form oder manifestieren sich im Bewusstsein der Menschen. Das Bewusstsein ist der umfassende Transformator für alle Einflüsse des Zeit-Geistes, die über die fünf Sinne wahrgenommen und innerlich verarbeitet werden.

 SR: Wie funktioniert der Mechanismus zwischen Zeit-Geist und dem Menschen?

CW: Der Mensch gibt durch die Tätigkeit seiner feinstofflichen Körper beständig Lebensenergie in die Atmosphäre ab, die mit seinen Gedanken und Emotionen geladen ist. Die darin enthaltenen persönlichen Informationen verbreiten sich im Umfeld des Menschen. Diese werden von dafür empfänglichen Zeit-Genossen aufgegriffen, zu neuen Ideen verarbeitet und in Handlungen umgesetzt, die wiederum die Ursachen zu weiteren Ideen bilden. Durch diesen Kreislauf beeinflussen sich die Menschen gegenseitig. Jeder ist dabei ein Multiplikator. Auf diese Weise entsteht weltweit ein dichtes Netz gegenseitiger Beeinflussung. Auf Dauer werden so alle Aspekte des menschlichen Lebens berührt.

 SR: Wie muss man sich die Wirkungen des Zeit-Geistes konkret vorstellen?

 CW: Die Impulse des Zeit-Geistes erfährt jeder Mensch auf der Erde unmittelbar durch seinen Lebenszusammenhang. Zum Beispiel durch die sozialen Verhältnisse, durch die Entwicklung von Wissenschaft und Technik, durch die Verbreitung von Ideologien und politischen Programmen. Diese wiederum beeinflussen alle Einzelheiten des persönlichen Lebensstils wie Kleidung, Ernährungsweise, Wohnen, Mobilität. Aber auch moralische Wertvorstellungen, Bildung und Erziehung, Sprachgewohnheiten und die religiöse Einstellung unterliegen den Einflüssen des Zeit-Geistes. Sowohl das individuelle als auch das gesellschaftliche Leben wird in hohem Maß durch den Zeit-Geist geformt.

 SR: Nun kommen wir zu der zentralen Frage: Manipuliert oder inspiriert uns der Zeit-Geist?

CW: Wenn man den Zeit-Geist als ein interkosmisches, also alles umfassendes Strahlungsfeld sieht, ist er recht abstrakt. Er hat nichts Persönliches oder Subjektives an sich. Zur Manipulation oder Inspiration gehören immer zwei. Für den Einzelnen kommt es nun darauf an, ob er sich manipulieren oder inspirieren lässt. Allerdings setzt diese Einteilung voraus, dass Manipulation etwas Negatives, Inspiration etwas Positives darstellt. Entscheidend für beides ist jedoch, ob dem Menschen die Einflüsse des Zeit-Geistes bewusst sind oder nicht.

SR: Wenn wir uns den Zustand der Welt vor Augen führen – sind denn die Einflüsse des Zeit-Geistes überhaupt noch kontrollierbar?

 CW: Durch die weltweite digitale Vernetzung entstehen vielfältige Bewegungen, Wechsel-wirkungen, Rückkopplungen und Automatismen, so dass eine Ursache unzählige Wirkungen hat und diese selbst wieder zu Ursachen werden. Es sind die sich selbst erfüllenden Prophezeiungen. Letztlich ist es ein Kreislauf ohne Ende, ein Leben wie die Hamster im Rad …

SR: … kann es dann überhaupt so etwas wie Inspiration durch den Zeit-Geist geben?

CW: Grundsätzlich ja, denn der Zeit-Geist ist wie ein Ozean. In ihm gibt es die unruhige Oberfläche mit Wellen, ruhige Fahrwasser und die Tiefsee-Strömungen. Das Spektrum reicht von den positivsten bis hin zu den negativsten Einflüssen. Inspiration kann zwischen diesen beiden Polen alle Schattierungen enthalten: sowohl kulturelle Werte in Kunst, Architektur oder soziales Engagement als auch fragwürdige wissenschaftliche Forschung und ihre technische Umsetzung. Der Unterschied zwischen manipulierenden und inspirierenden Einflüssen besteht darin, ob sie in ihrer Gegensätzlichkeit dem Menschen bewusst sind.

Interview Teil 2 folgt nächste Woche.

Foto: Pixabay
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