Selbsterfahrung

Offen-Barung

Die Dämmerung hatte sich herabgesenkt. Die Luft an dem Frühlingsabend war frisch. Ich hatte eine ganz besondere Begegnung. Auf einer kleinen Treppe, die ich hinabstieg, kam mir ein Mann entgegen. Ich kannte ihn schon lange. Wir gaben uns die Hand. Ich spürte ein spontanes Lächeln in mir emporsteigen und konnte nicht anders, als es für Sekunden oder sogar Minuten zum Ausdruck zu bringen.

Der Mann erwiderte das Lächeln, leuchtete über das ganze Gesicht und sprach: „Ich wusste ja gar nicht, dass du noch lachen und so fröhlich sein kannst!” Ich dachte das Gleiche von ihm. Immer öfter in letzter Zeit, wenn wir einander begegnet waren, hatten wir gar nicht mehr gelacht, unser Humor war versiegt ob der Ernsthaftigkeit des Lebens. Wo waren nur unsere Ausstrahlung und unsere innere Freude geblieben, die uns während unseres Kennenlernens ausgezeichnet hatten?

Und was war plötzlich auf der Treppe mit uns geschehen?

Beide hatten wir uns für etwas geöffnet, das unbeschreiblich ist. Nur spiegelte sich dieses Unnennbare jeweils im Anderen von uns wider. Wir hatten in etwas „Offenes”, in einen offenen Raum geschaut, in eine andere Daseinsebene.
Verschwunden war unser verschlossenes Wesen, das häufig nur das Festgelaufene, das Begrenzte in dieser Welt wahr nimmt, das Gewöhnliche am anderen Menschen oder an uns selber.

Wir wurden wie mit einem Schlüssel aufgeschlossen, wir wurden geöffnet, … offen. Uns wurde wie durch ein Wunder während Sekunden das Wesen des Anderen offen-bar. Es war eine Begegnung von Herz zu Herz, eine Empfindung reiner Liebe, eine Kostprobe Ewigkeit.

Foto: Silke Kittler
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