Selbsterfahrung

Nicht eins, nicht zwei

Die Schüler fragten: „Wie gelangt man zum Einssein mit Gott?”

Der Meister antwortete: „Je mehr ihr euch anstrengt, desto größer wird die Entfernung zwischen Gott und euch.”

„Wie überwindet man diese Entfernung?”

„Durch die Erkenntnis, dass diese Entfernung in Wirklichkeit nicht besteht.”

„Bedeutet dass, dass Gott und ich eins sind?”

„Nicht eins, nicht zwei.”

„Wie ist das möglich?”

Der Meister antwortete: „Die Sonne und ihr Licht, das Meer und seine Wellen, der Sänger und sein Lied: Sie sind nicht ein und dasselbe, und doch nicht zwei verschiedene Dinge.”

(Erich Kaniok: Sleutels tot het hart, Uitgeverij Asoka, Rotterdam 2005, S. 106, Übers. A.G. Paap)

Wenn man das wahre Wesen des Menschen zu ergründen sucht, stößt man immer wieder auf Texte wie den obigen, in Weltreligionen, Philosophien und mystischen Erzählungen. Was kann diese kleine Geschichte zeigen? Und was kann durch eigene Erfahrung bestätigt werden?

So einfach die Geschichte gemacht ist: Sie lässt eine tiefe Wahrheit über das Wesen des Menschen sichtbar werden. Die Frage der Schüler „Wie gelangt man zum Einssein mit Gott?” ist aus dem Bewusstsein der Trennung gestellt, sie zeigt den Wunsch, etwas für die Überwindung der Trennung zu tun. Doch der Meister stellt diesem Wunsch die Behauptung entge-gen, dass Bemühungen des Menschen seine Entfernung von Gott nur vergrößern.

Hier geht es um das Bewusstwerden einer bestimmten Art von Entfernung, denn die Bemühungen eines Menschen auf einem spirituellen Pfad führen vor allem zu einem vertieften Erleben seiner selbst und der Welt: So mag es ihm oft so erscheinen, dass die Vielheit der Dinge und er selbst mitten darin – ja alles, was er fühlt, denkt, wahrnimmt und ist – zwischen ihm und Gott stehen. Er fühlt sich dann einge-schlossen in seine Sinneswahrnehmungen und ins stoffgebundene Denken. Ja, er lebt in einer gefallenen Welt… Und die Entfernung von Gott scheint ins Unermess-liche zu wachsen.

Da hinein spricht der Meister seine Antwort von der Überwindung der Entfernung: „Durch die Erkenntnis, dass diese Entfernung in Wirklichkeit nicht besteht.” Was kann man mit dieser Aussage anfangen? Wie sollte man so etwas erkennen? Es ist müßig, nach äußerlichen Grundlagen einer solchen Erkenntnis, die nur in Erfahrung bestehen kann, zu suchen. Jeder Mensch kreuzt in seinem Leben Punkte, an denen er diese Erfahrung macht – vielleicht gerade in Momenten, in denen er die eigene Gefangenschaft in den Dingen dieser Welt besonders schmerzhaft erfahren hat.

Es erhebt sich eine Kraft im Herzen, die zeigt, dass es ganz anders ist: Da ist keine Entfernung. Alles ist eins. Nicht, weil alle Dinge eins sind, sondern weil alles in Gott ist.

Momente wie diese sind für mich Schlaglichter auf meinem Weg – auf dem Weg zur Lösung der Frage, wie es sein kann, dass Gott und ich eins sind und wieder nicht. Und diese Frage wird mich mein Leben lang begleiten, vielleicht sogar führen.

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