Alchemie

Der sichtbare Klang

Vor kurzem sah ich ein faszinierendes Objekt und zwar eine „Chladnische Klangfigur.” Auf eine dünne Metallplatte wurde feiner Sand gestreut. Dann bestrich ein Mann mit einem Geigenboden vorsichtig die Kante der Metallplatte. Die Sandkörner bewegten sich und bildeten ein regelmäßiges Muster. Das Muster erinnerte mich an Mandalas. Ich informierte mich und erfuhr, dass dies eine so genannte Chladnische Klangfigur ist, benannt nach einem Forscher, der 1787 das Buch „Entdeckungen über die Theorie des Klangs” schrieb. Er wurde bekannt als der Mann, der „Töne sehen lässt.” Die Menschen waren von diesen Figuren so fasziniert, dass er sein Geld mit dem Demonstrieren und Erklären dieses Phänomens verdienen konnte.

Interessant fand ich, dass Musik, die wir als besonders harmonisch empfinden, Muster hervorruft, die wir als harmonisch und wohlgeordnet wahrnehmen.

Zuzusehen, wie sich nach jedem Bogenstrich, der sanft an der Metallkante entlang geführt wurde, das Muster auf der Platte veränderte, war beeindruckend, machte mich aber auch sehr nachdenklich.

Der Sand macht ja nur etwas sichtbar, was immer entsteht, wenn ein Klang produziert wird. Normalerweise sehen wir ja die Schwingungsmuster nicht, die durch Musik, Worte, Geräusche und Lärm entstehen. Sie existieren aber dennoch – als harmonische, wohlgeordnete Formen oder als disharmonische.

Ich stelle mir vor, was es für uns Menschen und vielleicht auch für die Tiere und Pflanzen bedeutet, dass wir inmitten solcher – unsichtbaren – Muster leben.

Was mag geschehen, wenn wir jemandem etwas wünschen? Wenn wir zu einem Kranken sagen: „Gute Besserung” oder „Alles Gute” – was geschieht dann aber auch, wenn jemandem ein Schimpfwort, oder gar ein Fluch zugerufen wird? Was mag mit uns geschehen, wenn harte, verletzende Worten fallen? Was mag mit uns geschehen, wenn jemand liebevolle, verständnisvolle Worte sagt?Was mag geschehen, wenn Worte ausgesprochen werden, die wir mit Ehrfurcht und Demut aussprechen?

Der Rat, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen – dieser Rat macht nun für mich einen neuen, tiefen Sinn.

In dem Kapitel „Der Weg zu einem Leben ohne Leiden” in dem Buch „Mirdad” von M. Naimy heißt es deshalb auch:

„Sprecht so, als ob die ganze Welt nur ein einziges Ohr wäre, das hören wollte, was ihr sagt. Und so ist es in Wahrheit.”

Abb.: Buchansicht: "Mirdad" von M. Naimy
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