Selbsterfahrung

Mensch oder Maske

„Das Auge sieht nur Masken, nicht das Eigentliche. Immer aber, wenn etwas geschieht, dann regt sich hinter der Maske das, was wir nicht kennen. Wer es treffen will, muss die Maske wie eine Wand durchstoßen”, heißt es in dem Buch Moby Dick von Herman Melville.

Maske, entlehnt vom französischen Wort masque, hat die Bedeutung von „Gesichtslarve”, aber auch von „falscher Schein, Vortäuschung, verkleiden”. Schon kleine Kinder verkleiden sich gern, wobei es bei dem Gewand bleibt; ein Ich, das sich maskiert, ist noch nicht da.

Wenn wir sprachlich weiter forschen, gelangen wir zum Begriff „Person”. Er leitet sich vom Lateinischen „persona” ab = „Maske des Schauspielers; Rolle, die durch diese Maske dargestellt wird; Charakterrolle; Charakter; Person; bedeutende Person des öffentlichen Lebens, Mensch; davon abgeleitet ist ein in sich gefestigter Mensch”.

Viele Menschen, vor allem Künstler der unterschiedlichen Gattungen, aber auch jeder, der eine Rolle im öffentlichen Leben spielt, wie Politiker, oder Menschen, von deren Beurteilung andere abhängig sind, arbeiten bewusst an ihrem Image, tragen eine „Maske des Schauspielers”.

Wir haben verschiedene „Iche”, die je nach Bedarf und zu unserem Vorteil zur Schau gestellt werden. Doch wer darf dann mit Recht MENSCH genannt werden, „in sich gefestigter Mensch”, der einer Maske nicht bedarf?

Als Jesus schweigend die Verhöhnung der gegen ihn gerichteten Menge hinnahm, sagte Pilatus: „Sehet, welch ein Mensch!” Im gnostischen Evangelium nach Maria (Magdalena) spricht Maria Magdalena zu den Jüngern: „Lasst uns vielmehr seine (Jesu) Größe preisen, denn er hat uns zubereitet und zu Menschen gemacht.”

Und in Mozarts Zauberflöte sagt Sarastro über den Kandidaten auf dem geistigen Weg, als dieser mit einem Titel gekennzeichnet wird: „Mehr noch, er ist Mensch.”

In welchem Ausmaß sind wir „Menschen”, die der Masken nicht bedürfen?

Ist es nicht der Mühe wert, sich auf den Weg zu machen, sein wahres Selbst zu suchen und Mensch zu werden?

Gemälde: Leonardo da Vinci (Maria Magdalena oder Johannes)
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