Gnosis

Mensch, lerne tanzen

„Und er tanzte mit aller Macht vor dem HERRN her und war gegürtet mit einem leinenen Leibrock”. Dies ist in der Bibel der älteste Bericht über das Tanzen – und es war der König der Könige – David (2. Samuel 6, 14).

Das Wort „Tanz” leitet sich ab von italienisch danza und hat die Bedeutung von ausgeführten Körperbewegungen als Ritual, Brauchtum, darstellende Kunstgattung, Berufstätigkeit, Sportart, Therapieform oder schlicht Gefühlsausdruck.

Mit dem Tanz sind viele Lebensäußerungen verbunden. Schon kleine Kinder fangen an zu tanzen, um ihrer Lebensfreude Ausdruck zu geben, selbst wenn sie nie jemanden tanzen gesehen haben. Der Tanz kann einem spontanen Gefühlsimpuls entspringen, er kann ein Zusammengehörigkeitsgefühl zum Ausdruck bringen oder ganz einfach Zeitvertreib sein. Ist das Leben insgesamt nicht ein Tanz? In der Bewegung des Tanzens liegt Verzauberung. Märchen berichten von den im Reigen schwebenden Elfen. Bei Tieren gibt es – zur Brautwerbung – eine Art des rituellen Tanzes.

Die ältesten erhaltenen Dokumentationen des Tanzens sind indische Höhlenmalereien, die in dem Zeitraum zwischen 5000 und 2000 v. Chr. entstanden. Im Hinduismus wird der Gott Shiva als ein tanzender gedacht, und im antiken Ägypten gab es rituelle Tänze, die Tod und Wiedergeburt des Gottes Osiris darstellten. Die alten Hellenen systematisierten den Tanz nach Gottheiten und den mit ihnen verbundenen Gefühlsausdrücken. Als wichtiges Zeitzeugnis gilt Homers Beschreibung des Tanzes Chorea in der Ilias aus dem 8. bis 6. Jahrhundert v. Chr. Ekstatische Tänze waren Teil der Verehrung des Gottes Dionysos, des Gottes der Fruchtbarkeit und Lebensfreude.

Musik und Tanz sind eng miteinander verbunden, in einigen Kulturen – etwa im afrikanischen Tanz – sogar so eng, dass es für beide zusammen nur eine Bezeichnung gibt. Berühmt für eine Art des Tanzens in Begleitung von Trommeln sind die indischen und türkischen Derwische und ihre „Trancetänze”. Im Mittelpunkt steht die Konzentration auf den eigenen Körper in Verbindung mit Meditation. Es ist der Schlüssel zu ekstatischen, bewusstseinserweiternden Seinzuständen, in denen die Tanzenden in andere Sphären aufzusteigen vermögen, neue Dimensionen entdeckend. Verschiedene Welten berühren hier einander im Tanz.

Doch für welche Zwecke auch immer, wie ist es möglich, dass unser Körper tanzen kann? Der Körper, so wie wir ihn sehen, spüren, so wie wir uns durch ihn bewegen, besteht aus Materie und Materie ist starr, leb-los. Es ist der Ätherkörper, ein feinstofflicher Körper, der den physischen Körper umschließt und ihn durch seine Vibration, seine Schwingung dazu befähigt, sich zu bewegen. Durch den „Tanz des Atems” wird das Bewusstsein in die verschiedenen Körperteile gelenkt, und Körper und Bewusstsein vereinen sich in vollkommener Weise. Der Tanz des Atems erleichtert durch die Vielfalt seiner Formen und Rhythmen vor allem das Fließen der Energie.

Hier ist es interessant, zu lesen, was der Physiker Fritjof Capra in seinem Buch „Das neue Denken – die Entstehung eines ganzheitlichen Weltbildes im Spannungsfeld zwischen Naturwissenschaft und Mystik” schreibt. „Nicht nur, dass die Bahnen von Materieteilchen durch Verzerrungen der Raumzeit beeinflusst werden – die Anwesenheit der Materie ist es, die ihrerseits diese Verzerrungen erst hervorruft! In Einsteins Universum spielt sich damit ein immerwährender Reigen ab, bei dem Materie und Raumzeit sich gegenseitig beeinflussen: Eine gegebene Materieanordnung verzerrt die Geometrie der Raumzeit (und das, nebenbei bemerkt, nicht nur über ihre Masse, sondern beispielsweise auch über Energie, innere Spannung oder Druck); die Geometrie der Raumzeit bestimmt, wie sich die Materie weiterbewegt. Entsprechend der durch die Bewegung leicht veränderten Materiekonfiguration verändert sich auch die Raumzeitgeometrie, diese veränderte Geometrie beeinflusst die weitere Bewegung der Materie …”

Tanzen. Es wurde vom Ätherkörper und seiner Funktion gesprochen. Er seinerseits wird beeinflusst vom „Astralkörper”, durch den es uns möglich ist zu fühlen. Und er wiederum wird geprägt von unserem Denken und Wollen. Denken, Fühlen und Wollen lenken unser Leben. Ihre Qualität bestimmt die Qualität unseres Bewusstseins. Wir mögen stolz sein auf unsere intellektuellen, wissenschaftlichen, esoterischen Errungenschaften, doch: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele” (Matth. 26)?

Es gibt einen Tanz der Seele „in geheiligter Sphäre”, ein Mitbewegen in einem Schwingungsfeld, in dem göttliche Kräfte die Seele erfüllen. In der Gemeinschaft Gleichgesinnter kann ein solcher Tanz erlebt werden. „Mensch, lerne tanzen”, sagte Augustinus, „sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen.”

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