Selbsterfahrung

Mensch-ärgere-dich-nicht oder Mensch-erkenne-dich-selbst?

Jeder kennt dieses Spiel. Die meisten haben es schon oft gespielt. Und sich trotz des Namens geärgert. Dennoch ist das Spiel von einem tiefen Schleier umhüllt.

Es stammt vermutlich aus Indien, von wo aus es englische Reisende mit nach Europa brachten. In dem 1694 erschienenen Werk von Thomas Hyde „De Ludis Orientalibus” findet sich ein Hinweis auf dieses Spiel, welches in Indien den Namen „Pachisi” trägt. Im Gegensatz zu dem uns bekannten Spielbrett wird es heute noch in Indien mit kreuzförmigen Spielbahnen, die auf Stoff aufgedruckt oder aufgemalt sind, gespielt.

Über den Symbolgehalt des Spieles schreibt der Forscher Andrácsy: „Das Spiel ist auch eine Darstellung, ein Bild des Menschen von seiner Welt, wo die Figuren aus einem Zentrum ausgehen (geboren werden), um dann die Welt in östlicher, südlicher, westlicher, nördlicher Richtung zu umfahren und schließlich, im glücklichen Fall, ohne Not, an den Ausgangspunkt, den Geburtsplatz, zurückzugelangen ….”(aus: „Das Spielbuch” von Erwin Glonneger).

Betrachten wir das Spiel noch genauer.

Auffällig ist die Kreuzform, in der viele Geheimnisse unseres Daseins verborgen sind: die erwähnten vier Himmelsrichtungen, die vier Elemente, die vier Reiche der Natur. Es ist tatsächlich ein gutes Symbol für unsere Welt, die wir durchlaufen, durchleiden, durchkämpfen müssen.

Wir starten mit vier Figuren, die nicht gleichzeitig ins Spiel kommen, sondern nacheinander. Erinnert uns das nicht an den Aufbau unserer Persönlichkeit mit ihren vier Körpergliedern, die – wie es Rudolf Steiner ausführlich beschrieben hat – in einem Siebener-Rhythmus nacheinander in Offenbarung treten?

Das Schicksal, das uns erwartet ist, ist uns nicht bekannt -deshalb der unbestechliche Würfel, der unseren Lauf bestimmt, wobei eine Regel unveränderlich feststeht: Entweder wir werden geworfen im Kampf „Jeder gegen Jeden” oder wir erreichen unser Ziel – das auf dem Spielbrett außerhalb des normalen Lebensweges liegt und dennoch im Kreuz verborgen ist. Hinter diesem einfachen Spielmechanismus steckt das Wissen um die Reinkarnation, welches dem Menschen schon immer bekannt ist, auch wenn es in bestimmten Kulturregionen in den Hintergrund getreten ist. Aber Reinkarnation ist nicht das Ziel dieses LEBENSSPIELES – dies wird beim Spielen mehr als deutlich. Es geht nicht um Werfen und Geworfen werden. Vielmehr geht es darum, aus dem Rad der Wiedergeburt (wie es im Buddhismus heißt) herauszutreten, um in das Nirwana zu gelangen. Was ist das doch für eine Freude, wenn man beim „Mensch-ärgere-dich-nicht” endlich den Attacken der Mitspieler entkommen kann und mit seiner ganzen Wesenheit (alle vier Steine müssen ins Ziel) auf die vier Zielfelder gelangt. Es ist vollbracht.

Besonders interessant finde ich, dass das Kreuz als Symbol westlicher Religion in diesem Spiel mit dem Reinkarnationsgedanken als einem Kerngedanken östlicher Religion direkt verknüpft ist. Wir erkennen dieses Verbindung (entgegen unserer üblichen Kulturprägung) mit unserem latenten höheren Bewusstsein ja vollkommen an, sonst würde uns dieses Spiel nicht so gut gefallen. Wir spielen, was wir sind und was unsere eigentliche Aufgabe ist, ohne uns dessen bewusst zu sein. Wir „ärgern” uns (obwohl wir das nicht tun sollten), ohne zu ahnen, dass uns das Spiel viele Geheimnisse anvertraut, die uns direkt betreffen.

Ach ja: Im Originalspiel gibt es noch die Regel, dass zwei Figuren einer Farbe, die auf einem Feld zusammentreffen, nicht so ohne weiteres geschlagen werden dürfen. Steckt da nicht das Geheimnis der Ehe, der Hochzeit, der Verbindung zweier Menschen dahinter, von der es in Mozarts Zauberflöte heißt:

„Mann und Weib und Weib und Mann reichen an die Gottheit an …”

Indische Miniatur aus dem 18. Jahrhundert, Museum für Indische Kunst, Berlin
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