Persönlichkeiten

Mechthild von Magdeburg:

„Ich tanze Herr, wenn Du mich führst, so springe ich in die Minne.”

Dieser Ausspruch ist dem Buch „Das fließende Licht der Gottheit” entnommen, das im 13. Jahrhundert entstand. Die Autorin, Mechthild von Magdeburg, lebte von 1207 bis 1287. In ihrer Zeit gehörte sie den Beginen an. Das war eine religiöse Frauengemeinschaft, in der ein asketischer Lebensstil Verpflichtung war. Mechthild selbst, war adliger Herkunft und hatte als Heranwachsende eine umfangreiche Bildung genossen. Sie selbst sagte, ihre Visionen lagen ihr wie eine Qual auf der Seele, die sie niederschreiben musste. Ihre Lebensschau war ihr Appell an ein solidarisches, von Güte getragenes Zusammenleben aller Menschen, ohne Ansehen der Person und des Standes. Diese Auffassung stand aber im Gegensatz zu dem mittelalterlichen Weltbild mit genau abgegrenzter Ständeordnung. Wegen ihres offenen Stils wurde sie als Autorin oft scharf kritisiert. Aus diesem Grund ging sie dazu über ihre Gedanken in Metaphern und Allegorien zu verschlüsseln. Auch verfasste Mechthild ihre Schriften in Niederhochdeutsch. So konnten Lesekundige der damaligen Zeit an ihren Visionen teilhaben.
Ihr Ziel war es u.a., den Armen und Verstoßenen der Gesellschaft zu helfen.
Mechthild arbeitete rund um die Uhr in den Armenspitälern und führte ein Leben in Armut. Sie wollte mit anderen Menschen leiden. Dabei war Christus ihr großer Lehrmeister. All dieses und das Folgende kann in dem Buch ” Zwischen Glück und Freiheit” von Barbara Brüning nachgelesen werden, in dem Frau Brüning Philosophinnen-Portraits von der Antike bis zur Gegenwart vorstellt.
Doch wenden wir uns wieder dem Leben und Schaffen Mechthild von Magdeburg zu. In ihrem Buch, das in verschiedenen Teilen in Jahrzehnten entstand, kritisierte Mechthild u.a. auch die Prunksucht und den Reichtum der damaligen Kirche. Aus diesem Grund floh sie aus Angst vor Repressalien der Kirche 1270 nach Helfta und bat dort um Aufnahme in das gleichnamige Zisterzienserkloster. Im Kloster Helfta entwarf sie die Utopie eines geistigen Klosters, in dem wahre Liebe, göttliche Demut und Gottesfriede die wichtigsten Eckpfeiler sein sollten. Aber auch Freundlichkeit war ihr wichtig. Güte und Verständnis sollten ebenfalls herrschen. Natürlich auch Wahrheit lag ihr sehr am Herzen. So legte sie Wert darauf, dass auch hilflose Arme nicht das Recht hätten, ihre Mitmenschen absichtlich zu täuschen, weder aus Angst noch aus Habgier oder anderen Motiven.
Die Liebe und die Leidensfähigkeit des Menschen stand im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. In ihrem Buch unterscheidet sie 16 Arten der Liebe, als das Herzstück des Menschseins.

Als oberste Lebensmaxime steht für sie die wahre Liebe aus göttlicher Weisheit. Sie verstand die Liebe in erster Linie als Gabe Gottes, die das Leben der Menschen prägt und ihnen Kraft gibt, auch Turbulenzen zu überstehen. Sie sagt, wer liebt, glaubt an sich und verliert seine innere Entfremdung, die vor allem durch Leiden entstehen kann.

In seinem Dialog Phaidros rühmt der griechische Philosoph Platon (427-348), die Liebe als das Schönste und Beste, das Frieden unter den Menschen schafft und von Gefühlen der Fremdheit befreit.
Mechthild von Magdeburg sagt weiterhin, das die Liebe in unruhigen Zeiten im Herzen des Menschen einen Raum eröffnen kann, wo er Ruhe findet. Liebe gibt ihm die nötige Energie und die Kraft, neue Dinge in Angriff zu nehmen.
Liebe ist für Mechthild die Quelle der Lebenskraft schlechthin, die sich in viele kleine Bäche verzweigt.
Einige Liebesarten sollen hier wiedergegeben werden.
Die Liebe kann durch Gewohnheit zur Routine werden. Im Gegensatz dazu steht die rufende Liebe, sie sich vor Ungeduld verzehrt und nicht danach fragt, ob sie schuld auf sich lädt oder nicht. Sie sprudelt aus purer Lebenslust drauf los, ein Zustand, wie ihn Verliebte erleben, die die Welt um sich herum vergessen können. Das gesamte Selbst- und Weltverhältnis ist plötzlich ein anderes.
Weiter stellt sich nach Mechthilds Auffassung im Leben die herrliche Liebe ein und das mit großer Gewalt. Sie verjüngt die Seele, auch wenn der Körper immer älter wird. Sie versetzt die Menschen in den Zustand der Glückseligkeit, weil sie ein hohes Maß an Zufriedenheit erreicht haben, und wissen, dass sie dafür auch etwas getan haben.
Eine weitere Kategorie bildet die plötzlich entfachte Liebe aus Übermacht, die sich der Liebenden bemächtigt und die keiner zu deuten vermag. Sie wird als eine Art seelische Ergriffenheit in der Einheit von Geist und Sinnen gesehen. Mechthild selbst hat sie als ein beglückendes Gefühl der Fülle und des Grenzenlosen erlebt. Ihr war es ein höherer Bewusstseinszustand der Vereinigung mit Gott. Die Grenze zwischen Leben und Unendlichkeit scheint in diesem Zustand aufgehoben zu sein.

Die eindringliche Liebe bezieht Mechthild auf das mystische Ergriffensein, wobei sich die Seele in Gott hineingestaltet. Sie ist gänzlich still und alles ist ihr bitter, außer Gott. Der Mensch muss also völlig leer sein, um den göttlichen Willen in sich auf zu nehmen. Sie sagt: „Solange das Ich nur auf sich selbst konzentriert ist, findet Gott darin keinen Platz. Denn Gott will das Ganze sein. Die Totalität.
Diese innere Haltung ist die typische Einstellung des Mystikers. Er erlebt aus dem Herzen die Unmittelbarkeit mit Gott. So wie wir es den Schriften Mechthilds entnehmen. Und es ist immer noch dieser Zugang zum Herzen des Menschen, der durch die Mystiker gewiesen wurde und der auch in der Jetztzeit nichts an Aktualität verloren hat. Denn das Herz verbindet den Menschen mit seinem mikrokosmischen System, das den unsterblichen Ewigkeitssamen enthält, sodass der Mensch verbunden sein kann mit dem Kosmos, dem All und der göttlichen Vaterkraft.

Mechthild von Magdeburg schreibt in ihrem Buch „Das fließende Licht der Gottheit” in lyrischer Weise von der liebenden Zuwendung Gottes zum Menschen, die auf Antwort wartet.
Dennoch stellt sie fest, dass die Seele, die Gott liebt, einen beschwerlichen Weg ins Göttliche auf sich nimmt. Es ist der Verzicht auf das, was man auf Erden haben oder sein kann. Es ist ein immerwährendes Ankämpfen gegen Schwächen und Anfechtungen im steten Wissen um die eigene Unzulänglichkeit. Die Mystikerin lebte in der mystischen Verbindung unio mystica, das ist ein bräutliches Verhältnis zwischen der liebenden Seele und dem göttlichen Partner. Dieser Austausch schließt ein : die höchste Beseeligung der Seele nach und die tiefste Verlassenheit der Persönlichkeit nach. Aus diesem Verhältnis fließen die Worte der Autorin in der Ich-Form.

Im Buch V Nr. XIII. spricht die Autorin vom zehnfachen Nutzen
des Gebetes

Das Gebet hat große Kraft,
das ein Mensch voller Inständigkeit vorbringt:
Es macht ein bitteres Herz süß,
ein trauriges Herz froh,
ein armes Herz reich,
ein törichtes Herz weise,
ein zaghaftes Herz kühn,
ein schwaches Herz stark,
ein blindes Herz sehend,
eine kalte Seele glühend.
Es zieht den großen Gott herab in ein kleines Herz,
es treibt die ausgehungerte Seele empor zum Gott der Fülle,
es bringt die beiden Liebenden, Gott und die Seele,
zusammen an einen lustvollen Ort; da sprechen sie viel von
Liebe.

In der Einleitung zu ihrem Buch schreibt Mechthild von Magdeburg:

Oh, Herr und Gott, wer hat dieses Buch gemacht?
Ich habe es gemacht in meinem Unvermögen, mich zurückzuhalten mit meiner Gnadengabe.         Oh, Herr wie soll dies Buch heißen, damit es allein deiner Verherrlichung dient?
Es soll heißen: Das Licht meiner Gottheit, fließend in alle Herzen, die da leben ohne Arg.

Foto: Andreas Praefcke
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