Interview

Marion Küstenmacher

Stiftung Rosenkreuz: Wie sind Sie mit Spiral Dynamics in Verbindung gekommen und wie hat sich das auf Sie ganz persönlich und ihren Lebensweg ausgewirkt?

Ich habe mich seit etwa dem Jahr 2000 mit verschiedenen neueren philosophischen, sozialen und psychologischen Entwicklungskonzepten beschäftigt. Ich kannte schon einige, etwa Habermas´ Historische Epochen, die Bedürfnispyramide von Maslow, Kohlbergs Studien über die Entwicklungsstufen moralischen Urteilens oder Fowlers Stufen des Glaubens. Neue Anregungen bekam ich von Ken Wilbers Buch Integrale Psychologie. Wilber ist ein integraler Philosoph und Bewusstseinsforscher. Er hat zahlreiche solcher Modelle miteinander verglichen und dabei auch das Wertesystem Spiral Dynamics des Sozialpsychologen Clare Graves eingebunden. 2006 habe ich dann die Trainerausbildung bei dessen Schüler Don Edward Beck gemacht. 2010 erschien unser Buch Gott 9.0, das ich zusammen mit meinem Mann und Tilmann Haberer geschrieben habe. Hier liegt der eine Schwerpunkt auf den neun Bewusstseinsstufen von Spiral Dynamics, der andere auf den spirituellen Bewusstseinszuständen, die wir spontan erfahren, aber auch einüben können. Das ist der Weg der Kontemplativen und MystikerInnen. Weitere Module sind Quadranten, Linien, Typen, Schattenarbeit und die drei Gesichter Gottes. Wichtig ist mir, dass ich das Stufenmodell Spiral Dynamics immer als ein Modul innerhalb des größeren integralen Rahmens vermittle. Dazu habe ich 2018 mein Buch Integrales Christentum veröffentlicht.

Stiftung Rosenkreuz: Sie praktizieren eine tägliche Herzheiligung, schreiben Sie. Was bedeutet das? Und wie lässt sich diese Methode in den von Ihnen ausformulierten Ansatz des integralen Christentums einordnen?

Meine kontemplative Praxis ist seit 1992 das sogenannte christliche Herzensgebet. Es wird auch Gebet der Stille genannt. Es wird im Schweigen mit einem Mantra gebetet, das an den Atem gebunden wird. Das klassische Mantra lautet „Herr Jesus Christus erbarme dich meiner”. Ich bete mit der Kurzform „Christus Jesus”. Es zentriert und klärt den Geist und führt hinter unsere selbstgemachten, ans Ich gebundenen Gottesbilder, Gedanken und Konzepte in die formlose Versenkung. Es ist also ein Weg, die Tiefen des eigenen Bewusstseins oder Geistes zu erforschen, so wie Paulus im ersten Korintherbrief sagt: „Der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.” Das Herzensgebet gehört zum integralen Modul der Bewusstseinszustände.

Stiftung Rosenkreuz: Können wir (die Menschheit) bei den vielen unterschiedlichen Weltanschauungen – mit den verschiedenen Methoden der Annäherung – eine gemeinsame Utopie und Zusammenarbeit entwickeln?

Dafür braucht es einen langen Atem, denn das ist ein Projekt über viele Generationen und kommende Jahrhunderte. Aber jeder kann damit beginnen, sich einmal Weltraumbilder anzuschauen und sich klar zu machen, wie kostbar unser winziger Planet, diese blaue Perle im Universum, ist, auf der wir durch die Zeit reisen. Jeder einen unvorstellbar kurzen kosmischen Moment lang. Oft verschwenden wir unsere Lebenszeit mit Streit, Gier und auch religiöser oder politischer Rechthaberei, statt uns in Humanität und Friedfertigkeit zu üben. Ich denke, dass alle Weltanschauungen, spirituellen Richtungen und Religionen sich selbst kritisch prüfen müssen, wie weit sie tatsächlich dem friedlichen Zusammenleben aller Menschen, und darüber hinaus aller Lebewesen, aller Großorganismen auf unserer Erde dienen. Dieses Erwachen beginnt jetzt und wird durch transnationale politische Konsenssuche oder den interreligiösen Dialog gefördert. Wir ziehen also gerade ins „globale Dorf” um und suchen nach lebenstauglichen Spielregeln dafür. Einüben kann man das im Kleinen, im eigenen Mikrokosmos vor Ort. Je mehr Menschen heute daran bewusst teilnehmen, desto eher wird unseren Kindern, Enkeln und Urenkeln dieser große Schritt gelingen.

Kurzinfo Marion Küstenmacher

geboren 1956, evangelische Theologin und Germanistin, war lange Jahre Verlagslektorin und Redakteurin mit den Schwerpunkten Spiritualität, Psychologie und Lebenshilfe. Seit 1992 kontemplative Übungspraxis mit dem christlichen Herzensgebet. Ab 1997 Beschäftigung mit der Integralen Philosophie Ken Wilbers. Zahlreiche Weiterbildungen zum Bereich Persönlichkeitsbildung bei Erwachsenen, zertifizierte Trainerin für Spiral Dynamics Integral Leadership Values bei Don Edward Beck.

2010 erhielt Marion Küstenmacher den Argula-von-Grumbach-Preis der Evangelisch-Lutherischen-Kirche in Bayern für eine Arbeit über die Sophia-Weisheit. Mit ihren Büchern über integrale Spiritualität und eine aufgeklärte mystische Lebenspraxis gehört sie zu den innovativsten christlichen Autoren der Gegenwart.

Marion Küstenmacher ist verheiratet mit Werner Tiki Küstenmacher. Die beiden haben drei erwachsene Kinder.

Kommentare

Ihr Kommentar