Kunst

Maria Magdalena von El Greco

Der Maler El Greco lebte von 1541 bis 1614. Aus Kreta in Griechenland stammend, ist er seit 1577 in Spanien für den spanischen Hofadel und für Kirchen und Klöster tätig. Die meisten seiner Bilder entspringen biblischen Themen. Aber sein Tätigkeitsbereich umfasst auch die Architektur und Bildhauerei.

Vor vielen Jahren hatte ich ein Bild der Maria Magdalena von El Greco gesehen und empfand es als enttäuschend dunkel und so konnte es mir nichts sagen.

Doch vor kurzem stand ich vor diesem Originalbild und war aufgewühlt und überrascht, denn ich meine jetzt, die tiefere Absicht des Künstlers mit seiner Farbdarstellung erkennen zu können. Der Künstler hat des öfteren in abgewandelter Weise die Maria Magdalena dargestellt.

Diese Maria Magdalena, die ich sah, ist ganz schwarz gewandet, was für mich eine deutliche Absage an die Welt mit ihren irdischen Erscheinungen ausdrückt. Ehe im Wesen der Maria Magdalena die Sucherin aufstand, war sie der Welt völlig zugewandt und zugeneigt. Doch eine andere Kraft hatte sie im Herzen berührt, und so wurde sie, und das geschieht meist ungewollt, zur Sucherin nach anderen als den bisher bekannten Lebenswerten. Die irdische Sonne hat in solch einem Moment an Bedeutung verloren. Gesucht wird das Gold des Geistes.

Dieser Weg ist jedoch zunächst oft steinig, denn das Ziel wird nicht gleich auf Wunsch erreicht. Meist müssen äußere und innere Hürden überwunden werden. El Greco malte die Maria Magdalena auf dunklen Hintergrund, der wie von Blitzen durchbrochen wird. Sollten sie Ausdruck für Geistesblitze sein, die uns im Leben treffen, um unser Leben und unsere Seele zu erhellen, die wir in der dunklen Schwere der Materie oft mit unseren Problemen wie eingeschlossen sind? Stellen diese Blitze göttliche, rufende Strahlen dar, die den Menschen umgeben?

Ein Strahl trifft die Maria Magdalena ins Herzen. Ist es der erweckende, rufende Strahl? Konnte der göttliche Funke in ihrem Herzen berührt werden? So muss es in Wahrheit gewesen sein. War dies auch eine Erfahrung des Künstlers selbst?

Wenn das geschieht, kommt der Zeitpunkt im Leben eines Menschen, wo der Lebensweg wie von unsichtbaren Händen dem unbekannten, doch erwünschten Ziel zugeführt wird. Die Zeit der Vorbereitung ist abgeschlossen, und eine neue Lebensphase kann beginnen. Der Mensch verbindet sich zunächst noch unbewusst mit einem neuen Kraftprinzip. Maria Magdalena hat von Jesus gehört und sie begibt sich auf den Weg, um dieser neuen völlig anderen Sehnsucht, die in ihrem Wesen aufgestiegen ist, zu folgen. Der Wunsch, eine heile, geheilte Seele zu erlangen und ein sinnerfülltes Leben zu führen, wird fast überwältigend und es wird alles unternommen, um den Raum, die Stätte, die Umgebung. Die Atmosphäre zu finden, wo die Seele das Manna einatmen kann, wonach sie sich so lange gesehnt hat.

Die Begegnung mit dieser neuen Sphäre ereignet sich zu einem bestimmten Zeitpunkt der inneren Reife und diese Sphäre will nicht wieder verlassen werden. Wir können dafür sorgen, dass unsere Seele für diese Entwicklung die nötige Durchlässigkeit entwickelt und zulässt. Dann ändert sich unser Leben und die jetzigen Seelennöte, die oft einem verzweifelten Schrei in der Nacht gleichen, gehören der Vergangenheit an.

Eine innere Umkehr wird dann vollzogen, so wie von Maria Magdalena vorgelebt. Sie ist der Prototyp einer suchenden Seele.

Nach dieser neuerlichen Begegnung erscheint mir die Maria Magdalena von El Greco nicht mehr trist, traurig und dunkel, sondern sie weist einen Weg. Die Absicht des Malers liegt tief im Dunkel verschleiert, aber spricht viel über das Licht, das in der Finsternis scheint und das auch uns umgibt.

Gemälde: El Greco
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