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22. April 2008 von Burkhard Lewe

Mann und Frau – Verwandlung durch Hingabe

Nur ein Bewusstsein, das von Verzweiflung geprägt ist, kann die Wirklichkeit erkennen.
(J. Krishnamurti)

Mehrmals in meinem Leben habe ich ein großes Gefühl der Verzweiflung gespürt. Meist waren es Krisen in der Partnerschaft, in der Ehe, welche in schonungsloser Weise aufdeckten: Hier treffen zwei Menschen aufeinander, die zwar auf eine bestimmte Art eine starke magnetische Anziehung empfinden, andererseits jedoch so grundsätzlich unterschiedliche Denkweisen und Verhaltensmuster zeigen, dass es immer wieder zu starken Spannungen, zu Reibereien, zu Gefühlen der „Ver-zwei-flung“ kommen muss.

Viele Jahre habe ich darunter gelitten. Ich habe meinen Kummer in mich hineingefressen, ich habe meiner Partnerin und manchmal auch mir selbst Schuldvorwürfe gemacht, ich habe viele Bücher gelesen, viele Gespräche mit guten Freunden geführt, ja sogar therapeutische Hilfe in Anspruch genommen. Hinter alledem stand das große innere Bedürfnis zu verstehen:

Worin liegt der eigentliche, der tiefere Sinn des Zusammenwirkens von Mann und Frau?

Ich merkte recht bald, dass die vielen psychologischen Ratgeber und therapeutischen Hilfestellungen immer an eine Grenze stießen. Sie konnten zwar recht exakt und oft auch humorvoll die unterschiedlichen Grundmuster von „Mann“ und „Frau“ beschreiben. Sie besaßen einen hohen Wiedererkennungswert und waren geeignet, das Verständnis für die Andersartigkeit des Partners/der Partnerin zu erweitern. Aber sie konnten nicht ausreichend deutlich machen, welche tiefere, „Sinn stiftende Idee“ der Beziehung zwischen Mann und Frau zu Grunde liegt.

Bei C.G. Jung stieß ich auf folgenden Satz:

„Das Zusammentreffen von zwei Persönlichkeiten
ist wie die Mischung zweier verschiedener Körper:
Tritt eine Verbindung überhaupt ein,
so sind beide gewandelt.“ (C.G. Jung, Mysterium coniunctionis)

Jung deutet an, dass männlicher und weiblicher Pol durch ihre gegenseitige Hingabe, durch ihre Vermischung, zu einer Verwandlung geführt werden können. Er weist auf ein schöpferisches Geschehen hin, bei dem etwas völlig Neues entstehen kann.

Mit „Hingabe“ assoziieren wir in der heutigen Zeit zumeist die „körperliche Hingabe“ von Mann und Frau. Moderne Paartherapeuten wie Wolfgang Gädecke weisen mit Nachdruck auf ein Paradoxon hin, dass vielen Paaren nur ansatzweise bewusst ist. Obwohl beide Partner eine starke geschlechtliche Anziehung spüren und sich nach Vervollständigung und Verschmelzung sehnen, müssen sie auf Grund der einfließenden „Begierdenkraft“ oft eine schmerzliche Trennung und Entfremdung erfahren. Die Begierde hat immer etwas „Selbstbezogenes“. Sie bewirkt häufig gerade nicht die ersehnte Hingabe und Verschmelzung, das Aufheben aller trennenden Schranken, sondern kann jeden der Partner auch umso härter auf sich selbst zurückwerfen. Die Idee der „Hingabe“ von Mann und Frau muss offensichtlich neben der „körperlichen Ebene“ noch auf höheren Spiralen, der „seelischen“ sowie der „geistig-spirituellen“ Ebene bedacht werden.

„Der Seele Lauterkeit hängt davon ab, dass sie geläutert werde von einem Leben, das zerteilt ist und eintrete in ein Leben, das in der Einung ist.“ (Meister Eckhart)

Als Mensch dieser Zeit, als Wesen aus Fleisch und Blut, sind wir in einer Welt der Gegensätze immer in gewisser Weise der „Entzweiung“, der „Auseinandersetzung“ und „Verzweiflung“ ausgesetzt. In diesen schmerzhaften Prozessen erfahren wir auch auf seelischer Ebene unsere existentielle Unvollständigkeit und Unvollkommenheit. Auch der liebevollste und verständnisvollste Partner kann diesen „seelischen Mangel“ nicht ausgleichen. Unsere Seele wird von den Zwillingskräften der Natur (Gut-Böse) beherrscht. Dies verursacht Kummer und Leid, aber auf diese Weise entwickeln wir Unterscheidungsbewusstsein und ein Bewusstsein unserer selbst. Wir spüren unsere eigene Zerrissenheit. Vielleicht machen wir irgendwann einmal die Entdeckung, dass hinter einem Trennung und Abgrenzung verursachenden „Ich“ noch ein auf Einheit ausgerichtetes „Nicht-Ich“ existiert, das zum Leben erweckt werden möchte. Dieses „Nicht-Ich“ möchte von seiner einengenden Ich-Hülle befreit werden, bei jedem Mann, bei jeder Frau. Mann und Frau haben eine große Aufgabe aneinander zu verrichten. Sie können sich Hilfestellung geben bei dieser Hingabe an das innereigene „Nicht-Ich“, die jeder von beiden, Mann und Frau, lernen müssen. Die „irdische Liebe“ zwischen Mann und Frau, ihre Hingabe aneinander, stößt immer an eine Grenze. Sie ist eine Vorstufe, quasi ein „Übungsfeld“ für die Hingabe an das Andere, das „Nicht-Ich“. Damit ist der Blick geöffnet für die geistig-spirituelle Dimension des Zusammenwirkens von Mann und Frau. In jedem Mann, in jeder Frau brennt ein göttlicher Funke, der am Urbeginn der Schöpfung durch das Zusammenwirken der beiden Pole „männlich“ und „weiblich“ entfacht wurde. Aus diesem in jedem Menschen eingeschlossenen Feuerelement möchte sich ein „geistiges Kind“, eine völlige Neuschöpfung, entwickeln.

Darauf weist Nietzsche hin, wenn er fragt:

„Bist du ein Mensch, der ein Kind sich wünschen darf?
Bist du der Siegreiche, der Selbstbezwinger, der Gebieter der Sinne, der Herr deiner Tugenden?…
Oder redet aus deinem Wunsche das Tier und die Notdurft?…
Ich will, dass dein Sieg und deine Freiheit sich nach einem Kinde sehne…
Über dich sollst du hinausbauen. Aber erst musst du mir selber gebaut sein, rechtwinklig an Leib und Seele.
Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf!
Dazu helfe dir der Garten der Ehe!
Einen höheren Leib sollst du schaffen, eine erste Bewegung, ein aus sich rollendes Rad – einen Schaffenden sollst du schaffen.“
Ehe: so heiße ich den Willen zu zweien, das Eine zu schaffen, das mehr ist als die es schufen.
Ehrfurcht voreinander nenne ich Ehe als vor den Wollenden eines solchen Willens.
Dies sei der Sinn und die Wahrheit deiner Ehe. Aber das, was die Viel-zu-Vielen Ehe nennen, … – ach, wie nenne ich das?“ (Nietzsche: „Also sprach Zarathustra..“)

In seiner geistigen Struktur war der ursprüngliche Mensch ein Schaffender, ein Schöpfer und damit ein Abbild des göttlichen Vater-Mutter- (Isis-Osiris-) Wesens. In den Schriften der großen gnostischen Lehrer wird das Grundprinzip aller Schöpfung vom ersten Beginn an erläutert: Aus einem göttlichen Vater-Mutter-Wesen entwickelt sich der „Eingeborene androgyne Mensch“. Sein männlicher Name ist: „Vollkommenes Bewusstsein“. Sein weiblicher Name lautet: „Allweise Gebärerin Sophia“. Alle weiteren Schöpfungen, die von diesem unsterblichen, ursprünglichen Menschen ausgehen, vollziehen sich durch das harmonische Zusammenwirken der beiden Pole männlich-weiblich. Dieses Grundprinzip schöpferischen Wirkens wurde jedoch in ferner Vergangenheit verletzt, als ein Äon entstand, der Vorstellungen hervorbrachte, an denen nur noch einer der Pole beteiligt war. Es kam zu einer Störung im Zusammenspiel von Männlichem und Weiblichem – und alle weiteren Schöpfungsprozesse (dazu gehört auch der heutige Mensch) offenbarten sich fortan als unvollkommen. (J. Slavenburg, Ein Schlüssel zur Gnosis, Haarlem/Birnbach 2003)

Nur wenn wir diesen großen Zusammenhang kennen, können wir die eigentliche Tragweite des männlich-weiblichen Beziehungsdramas erfassen. Wir heutige Menschen sind – als Mann, als Frau – unvollkommene, noch unfertige Geschöpfe, denen immer etwas fehlen muss. Aber die Erkenntnis dieses Mangels muss uns nicht mutlos werden lassen. Im Bewusstsein unserer „Verzweiflung“ kann aus dem in uns eingeschlossenen göttlichen Lichtelement eine Seele entstehen, die das Männliche und das Weibliche, Haupt und Herz, wieder in sich vereint. Mann und Frau können in gegenseitiger Hingabe an ihrer Verwandlung, an ihrer Erlösung mitwirken. Sie können den ursprünglichen Menschen wieder in sich frei machen, die Einheit des „vollkommenen Bewusstseins“ und der „all weisen Gebärerin Sophia.“

„O Einswerdung,
Einheit des Kindes,
Kind, das noch in den Greisen lebt.
Vollkommenes Leben vor dem Leben,
das uns zum Leben erweckte.
O werden wir, was wir waren
und unergründlich sind,
kein Mann, keine Frau,
sondern eins.“
(Erik van Ruysbeek, Poetische Reflexion zum Vers 4 des Thomasevangeliums)

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