Religionen

Mani, die Perle des Lichtes aus dem Osten

Was wissen wir heute von Mani, dem Mann aus Babylon, dem heutigen Irak, der im 3. Jahrhundert n. Chr. von 215 bis 274 lebte? Seine Eltern entstammten einer angesehenen Kaste im damaligen Mesopotamien. Kurz nach der Geburt des Sohnes trat Manis Vater einer christlichen Täufergemeinschaft bei, die sich Brüder des Palmenhains nannte, wohin auch Mani, dreijährig, von seinem Vater geholt wurde. Die Brüder des Palmenhains lebten mit der Ausübung ihrer Riten zurückgezogen und teilten das übliche Leben der damaligen Menschen nicht.

Als Mani vierundzwanzig Jahre war, verließ er die Brüder des Palmenhains mit einem gleichaltrigen Freund, der ihn Zeit seines Lebens begleiten sollte. Er hatte die spirituellen Fähigkeiten Manis erkannt, ehrte ihn und schloss sich ihm an. Und, soweit es überliefert ist, folgte ihm später auch sein Vater.

Warum wandte sich Mani von der Gemeinschaft ab, in der er aufgewachsen war? Durch seine tiefe Innerlichkeit war er dazu berufen, die vorherrschenden Glaubensvorstellungen ins Wanken zu bringen, Könige mit seinem weisen, friedvollen Rat in Bann zu ziehen, die damalige Welt durch seine tief empfundene Einsicht aus den Angeln zu heben. Im Laufe seines Lebens scharte sich eine große Anhängerschaft um ihn.

Neben tiefer Einsicht in das innere und äußere Leben der Menschen besaß Mani die Fähigkeit der feinsten Miniaturmalerei, beherrschte die Musik- und Gesangskunst und war darüber hinaus ein Meister sprachlicher Dichtung, wie es seine Perlenlieder beweisen. Schriften Manis wurden 1930 in Ägypten entdeckt und gelangten nach Berlin und London.

Mani selbst war ein Anhänger der „Nazarener”, wie man die Christen seinerzeit nannte. Aber auch die Lehren Zarathustras und Buddhas, die von den Menschen damals verehrt wurden, nahm er auf und verinnerlichte sie. Er rief dazu auf, in allen Religionen den leuchtenden Kern frei zu legen. So nahm seine Lehre eine universelle Dimension an. Er unternahm ausgedehnte Reisen und prüfte die Religionen in Ost und West. Auf diese Weise verbreitete sich seine Lehre bis nach China.

Eine Besonderheit seines Manis war die Entdeckung seiner zweiten, inneren Identität, seines „Zwillings”, wie er ihn nannte. Er war sein stiller Gefährte, den er in innerer Zweisprache in besonderen Lebenssituationen um Antwort und Rat bat. Was Mani seinen Zwilling nannte, können wir als den „Anderen” in uns bezeichnen, unsere unsterbliche Seele, unser wahres Selbst. Mani sprach von der Lichtperle im Menschen.

Was sagt seine Lehre aus, die damals so viele berührte?

Er stellte fest:

Zu Anbeginn des Universums gab es zwei Welten, die voneinander getrennt waren: die Welt des Lichtes und die Welt der Finsternis. In den Gärten des Lichtes waren alle begehrenswerten, heilsamen Dinge, während in der Finsternis die Begierde herrschte, eine mächtige, drängende, tobende Begierde.

Die beiden Welten trafen aufeinander, woraufhin sich Partikel des Lichtes auf tausendfache Weise mit der Finsternis vermengten. In jedem Wesen und jedem Ding berühren und überschneiden sich in ihr nunmehr Licht und Finsternis, und es bedarf des ganzen Scharfsinns eines Weisen, die Kräfte voneinander zu unterscheiden. Daher findet im Menschen ein fortwährender Streit zwischen Licht und Finsternis statt.

Seinen Anhängern sagte Mani:

Das Licht in euch lebt von den Kräften der Schönheit und des Erkennens. So denkt daran, es beständig zu nähren und begnügt euch nicht damit, eurem Körper Nahrung zukommen zu lassen. Eure Sinne sind dazu geschaffen, Schönheit zu erfassen. Ja, eure fünf Sinne sind Destillatoren des göttlich-geistigen Lichtes. Bietet ihnen das Erhabene. Erspart ihnen Schmutz und Geschrei.

Mani trat dafür ein, keinem Geschöpf einen Schaden zu zufügen. Immer wieder wies er in seinen Ansprachen darauf hin, vor allem dem Licht im eigenen Innern treu zu bleiben, dem Licht, das in jedem Menschen verborgen ruht.

Er sagte: „Seid treu diesem Quäntchen Weisheit und Göttlichkeit.” Er erkannte, dass selbst der Gläubigste von Zweifeln heimgesucht wird und auch krassestem Unglauben uneingestanden ein Fünkchen Hoffnung innewohnt. Mani sprach auch darüber, was nach dem Ableben folgt, denn er hatte das Gesetz des Karma ergründet.

Und er bereitete sich selbst auf sein Ableben in dieser Welt intensiv vor. Er sagte seinen Getreuen seinen Tod voraus. Seine Seele aber war in dieser Zeit verstärkt auf das Leben der höheren Lichtordnung gerichtet. Aus diesem Erleben heraus sprach er zu seinen Anhängern:

„Wenn du die Augen das letzte Mal schließt, werden sie ohne dein Zutun in anderer Weise wieder aufgehen. Und es wird so sein, dass, wer für die Macht gelebt hat, darunter leiden wird, dass niemand ihm Gehorsam leistet. Wer für den Schein gelebt hat, dem wird jeglicher Schein abhanden gekommen sein. Wer für Besitz gelebt hat, wird nichts mehr besitzen und seine Hand greift ins Leere.”

Damit machte Mani deutlich, dass die äußeren Werte im Leben letztlich von keiner Bedeutung sind. Eigentlich zählt nur die Seelenkraft, die sich einem Menschen aus dem unirdischen Sein schenkt. Seine Schriften wurden von seinen Gegner vernichtet. Glücklicherweise wurden im 20. Jahrhundert einige wieder entdeckt und als Manichaean Psalmbooks veröffentlicht.

Wie viele der Großen wurde auch Mani von der herrschenden Macht getötet. Der damalige Herrscher ließ ihn auf Betreiben der Priesterkaste in Ketten legen und grausam zu Tode martern. Die Essenz seiner Erkenntnis bleibt aber für die Menschheit über alle Zeiten hinweg lebendig; sie lautet:
Gott ist Liebe, Weisheit, Kraft, Leben.

Auch Manis Anhänger wurden verfolgt. Doch die Fackel seines Lichtes zieht ihre Spuren bis in die Pyrenäen, wo die Katharer das geistige Erbe Manis in Westeuropa verankerten, nachdem die Bogumilen dies im Osten Europas getan hatten.

Das seelische Ringen in der Zeit Manis lag in der Welt der Begierden. Beim heutigen Menschen ist es die Welt der Gedanken, die der Seelenentwicklung durch Zweifel, Vorurteile und Kritik feindlich gegenübersteht.

Ein Text aus dem Buch Manis Lichtschatz lautet:

Was soll ich tun, Herr, damit ich wahrlich lebe?

Übe dich in Enthaltsamkeit, meine Seele,
und du sollst leben.
Gib Ruhe deinen Händen,
Kleide dich in reine Wahrheit.

Gib Liebe deinem Bewusstsein.
Gib Glauben deiner Vernunft.
Gib Vollkommenheit deinen Gedanken.
Gib Ausdauer deinem Beschluss und Weisheit deiner Erwägung.

Gib Raum in dir der Taube mit den weißen Schwingen.
Setze ihr keine Schlange zur Seite.

Gib keinen Raum der Trübsal, noch dem Zorn.
Unterwirf die Begierde.
Besiege die Überheblichkeit.

Lass nicht ab in deiner Liebe zu Gott.

Mit Vollkommenheit wirst du vollkommen.
Mit Geduld wirst du ertragen.
Mit Gnosis wirst du begreifen.

Halte dein Gebot.
Vervollkommne deine Taten.
Bleib unverbrüchlich treu in diesen Dingen für allezeit.

Und du sollst leben, meine Seele.

Quellen:
Amin Maalouf, Der Mann aus Mesopotamien
Christa Siegert (Hrsg.), Manis Lichtschatz

Abb.: Kölner Mani-Codex Quelle: Wikipedia
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