Bild: Macht in Beziehungen
24. August 2021 von Burkhard Lewe

Macht in Beziehungen

„Macht“ ist ein unangenehmes Thema. Eigentlich wollen wir damit nicht so gern etwas zu tun haben. Schon gar nicht im Bereich der Beziehung. Es fängt immer so harmlos an. Gerade war doch noch alles in Ordnung und „im Fluss“! Und plötzlich entsteht da eine Situation, wo du etwas anderes willst als ich. Erst war das noch gar nicht so deutlich, aber ganz plötzlich wird uns klar: Wir haben völlig unterschiedliche Vorstellungen! Keiner von uns beiden ist bereit, nachzugeben. Und wir beide haben auch gar keine Lust, nach einer gemeinsamen Lösung zu suchen.
Jetzt beginnt ein Ping-Pong-Spiel, ein „Machtkampf“. Die entscheidende Frage ist: Wer wird ihn gewinnen? Und warum?
Wir kennen es nur zu gut. Unterschiedliche Meinungen prallen ganz plötzlich aufeinander. Vielleicht gibt es einen lautstarken Wortwechsel. Und anschließend ziehen wir uns zurück, jeder für sich. Vielleicht gehen wir in unser eigenes Zimmer oder fahren einfach weg. Ärger kann hochkommen, der Pulsschlag wird schneller. Wir versuchen uns abzulenken, aber es gelingt uns nicht wirklich. Wir versuchen das Problem „auszusitzen“, wir „schmollen“ vor uns hin, wir zeigen uns „beleidigt“ oder suchen nach Rechtfertigungen. Meist weichen wir einem direkten Augenkontakt mit unserem Partner aus, wir sprechen nicht oder nur „genervt“ miteinander und gehen unsere eigenen Wege… einige Stunden, einige Tage lang. Das raubt sehr viel Energie und hinterlässt auch Verletzungen in der Beziehung. Und trotzdem wiederholen wir diese Art der Abgrenzung auf zermürbende Art und Weise immer wieder. Warum?
Unser „Schmollen“, das Beleidigt-Sein, das Sich-Zurückziehen hat eine Funktion. Es findet eine Form von „Machtpoker“ statt. Unser Abgrenzungsverhalten, unser zeitweiliger Rückzug ist ein mehr oder weniger bewusster Versuch, uns unabhängiger vom Partner zu machen.
Und derjenige, der vom Anderen scheinbar weniger abhängig ist, besitzt letztendlich ein größeres Machtpotential. Macht, seine Vorstellungen gegenüber den Wünschen des Partners durchzusetzen.
In gewisser Weise „spielen“ wir mit unserer Unabhängigkeit. Natürlich „brauchen“ wir Freunde, natürlich „brauchen“ wir einen Partner. Aber wenn es irgendwie nicht mehr passt, „könnten“ wir uns ja theoretisch auch neue Freunde, einen anderen Partner suchen. Je weniger ich den Anderen brauche, umso mehr Macht besitze ich – das ist das traurige Kalkül des Machtkampfes.
Unsere Sozialisation führt zum Aufbau einer Ich-Identität, die nicht stabil und in sich ruhend ist. Ich-Identität entwickelt sich erst allmählich und spielt sich immer in Beziehung und Bedürftigkeit ab. Wir assoziieren mit „ich“ einen Zustand, in dem wir vom Anderen (primär: der Mutter) etwas bekommen wollen. Als Baby, als Kleinkind erfahren wir unseren fundamentalen Mangel, unsere Bedürftigkeit. Und wir lieben alle Menschen, die diesen Mangel in uns ausgleichen und kompensieren können, mit denen wir „Einheit“ und „Fülle“ erfahren können.
Interessanterweise bauen wir unsere „Ich-Identität“ genau in dem Moment auf, in dem wir spüren, dass wir von der Fülle getrennt sind und vom Anderen (der Mutter) etwas bekommen wollen.
Das ist der erste Akt des Machtspiels: Wir sind bedürftig und gebrauchen eine andere Person dazu, den Mangel in uns auszugleichen. Je weniger die elementaren ersten Bedürfnisse in der Beziehung zur Mutter und zum Vater gestillt werden konnten, umso mehr werden wir später in der Paarbeziehung unsere Bedürfnisse auf den Partner projizieren.
In unserer westlichen Kultur gehen nun alle Bestrebungen der Erziehung und des „Erwachsenwerdens“ dahin, immer selbstständiger und unabhängiger zu werden. Wir sind darauf gepolt, möglichst schnell nach weitgehender Autonomie zu streben.
Das ist der zweite Akt des Machtspiels: Wir geben uns unabhängig und üben gerade in dieser scheinbaren Autonomie Macht aus, auf unseren Partner, auf unser Umfeld, auf die ganze Schöpfung.
Erwachsenwerden besteht jedoch nicht nur aus einem Gewinn an Unabhängigkeit. Viel wichtiger als der Autonomiefaktor ist eine Zunahme an Beziehungsfähigkeit – indem wir lernen, ein weit verzweigtes Beziehungsnetzwerk aufzubauen.
Wir brauchen einander. Wir brauchen Beziehung, und wir können lernen, überhaupt beziehungsfähig zu werden. Dazu ist es notwendig, dass wir in der Lage sind, unsere eigenen Bedürfnisse achtsamer wahrzunehmen und auch auszudrücken. Wir können lernen, Verantwortung zu übernehmen für die noch unreifen Persönlichkeitsanteile in uns:
Der abhängige Teil in uns („das bedürftige innere Kind“) braucht unsere Zuwendung, unsere Fürsorge. Wir nehmen seine Bedürfnisse wahr, wir erkennen ihre Bedeutung. Das heißt aber nicht, dass alle aufkommenden Bedürfnisse auch sofort erfüllt werden müssen – das wäre auch einem Kind nicht förderlich.
Der unabhängige Teil in uns (der „Pubertierende“) braucht Grenzen. Wir können lernen, unsere Unabhängigkeit nicht dazu zu missbrauchen, unserem Partner unseren Willen aufzudrängen und Macht auf ihn auszuüben. Wir können erkennen, dass es überhaupt nichts bringt, das eigene Interesse gegen das des Partners durchzusetzen. Damit würden wir zugunsten einer kurzfristigen Bedürfnisbefriedigung immer etwas sehr Wertvolles aufs Spiel setzen und die Beziehung schädigen.
Es gibt noch eine dritte Form des Machtspiels: Es ist das „Spiel des Gebens und Nehmens“.
Es ist das Spiel, in dem beide Partner auf Augenhöhe versuchen, sich gegenseitig in ihren unabhängigen und abhängigen Teilen zu zeigen und die Verletzlichkeit und die Angewiesenheit aufeinander wirklich zuzulassen.
Dann kann sich das „Machtspiel“ auch in spielerische Freude und Leichtigkeit verwandeln. Wir trauen uns, uns unsere tiefsten Bedürfnisse mitzuteilen und wissen darum, dass diese Bedürfnisse so etwas wie der „Klebstoff“ unserer Beziehung sind. Sie sind in gewisser Weise „Einladungen“, um unser tiefstes Bedürfnis zu stillen, das Bedürfnis nach Verbindung.
Bis dahin ist es ein mühsamer Weg. Oft fällt es überaus schwer, verletzliche Gefühle zum Ausdruck zu bringen, ja sogar sie erst einmal wahrzunehmen. Ganz plötzlich kann sich eine verhängnisvolle emotionale Ladung aufstauen und zur Explosion kommen. Besonders im Zorn zeigt sich „Macht“ in der Partnerschaft in ihrer unerlösten Form. Zorn kann eine Schutzfunktion haben und beinhaltet die Chance, im Unterbewussten schlummernde Bedürfnisse an das Tageslicht zu bringen.
Was passiert bei einem Zornausbruch? Zorn entsteht, wenn sich etwas in mir gegen die Außenwelt stellt. Ich versuche, durch meinen Zorn so etwas wie eine sichere Grenzlinie um mich herum zu ziehen.
Hier bin ich, und hier bestimme ich die Spielregeln – außerhalb der Grenze bist du, aber ich lasse nicht zu, dass du über meine Grenze trittst.
Dieser in einem Zornausbruch markierte „Schutzraum“ gibt mir vielleicht für ganz kurze Momente ein Gefühl der Sicherheit. Das hat aber langfristig fatale Folgen: Ich verbiete meinem Partner, die Dinge anders zu sehen als ich.
Die israelische Paar-Beraterin Dafna Dariel sieht im Zorn so etwas wie eine „Einladung“, um in Kontakt zu unseren verletzlichen Gefühlen zu kommen. Es liegt am Zürnenden, ob der Zorn zu einem tieferen Zerwürfnis oder sogar zu einem „Wachstumsereignis“ werden kann. Und das entscheidet einzig und allein jeder selbst.
Können wir die „emotionale Ladung“, die in uns aufsteigt und die wir spontan gegen den Anderen richten möchten, konstruktiv nutzen?
Gelingt es uns – vielleicht in einem inneren Zwiegespräch – zu erfühlen, was sich möglicherweise hinter dem Zorn verbirgt, welche alten Verletzungen angetriggert und auf den Partner projiziert werden oder welche nicht eingestandenen Wünsche an den Partner sich dort zeigen?
Gelingt es uns, das, was wir auf den Anderen projiziert haben, zurückzunehmen und als „verletzlichen Teil“ in uns zu identifizieren, der wahrgenommen und anerkannt werden will und der sich auch ausdrücken darf?
Indem unsere Verletztheiten und Verletzlichkeiten immer bewusster werden, legen wir unseren Schutzpanzer ab und geben unserem innersten Potential die Gelegenheit sich zu offenbaren. Eine Durchlässigkeit zu unserem Wirklichen Selbst – so wie wir „gemeint“ sind – kann sich einstellen. In dieser schrittweisen Öffnung können wir in Berührung kommen mit einer Wirklichkeit, die hinter und über allem ist – mit einem Raum, einer Lebendigkeit, einer Fülle, einer Verbundenheit jenseits aller Vorstellungen.
Diese Offenheit nach innen dürfen wir als Prozess der Selbst-Ermächtigung sehen. Indem wir die unreifen Persönlichkeitsanteile der „Bedürftigkeit“ und der „zwanghaften Unabhängigkeit“ in uns schrittweise erkennen, können sich die Identifikationen mit diesen Ich-Anteilen lockern, vielleicht auch lösen. Immer ungehinderter kann die vom innersten Wesenskern ausstrahlende Macht der Liebe nach außen treten und wirken.
Als Partner auf einem spirituellen Weg bedeutet dies: Wir finden zunehmend mehr Zugang zur Fülle in uns und schöpfen aus derselben Quelle. Aus dieser Fülle heraus können wir in größerer Freiheit eine erfüllende Partnerschaft führen. Geteilte Fülle ist noch mehr Fülle. Geben und Nehmen können in eine Balance kommen. Wir achten den Partner in dem, was er braucht. Wir unterstützen uns liebevoll beim Erkennen unserer Schattenanteile.
Die Macht der Liebe erblüht im „Versprechen einer neuen Zusammengehörigkeit“. Diese Macht strahlt weit über die Partnerschaft hinaus bis in das Innerste der Materie.

Foto: Gerd Altmann auf Pixabay

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