Freiheit

Lessing Ringen um Wahrheit

Wer war Lessing ?
Ein Grenzgänger, für den alles denkbar war. Er lebte von 1729-1781. Schon als 17jähriger Theologiestudent – er kam aus einer Pastorenfamilie – brach er aus seiner vorgeschriebenen Lebensbahn aus und gesellte sich dem Leipziger Komödiantenmilieu zu, und zwar mit der Begründung: „Ich lernte einsehen, die Bücher würden mich wohl gelehrt, aber nimmermehr zu einem Menschen machen.” Durch die Arbeit des Theaters aber „lernte ich mich selbst kennen”.

Er strebte Selbsterkenntnis und Einsicht in profunde Lebensfragen an. Dieser Maxime zu folgen, hieß – unter den Bedingungen von Absolutismus und Despotie des 18. Jahrhunderts in Deutschland – als Theologe, Altertumskenner, freier Schriftsteller, Rezensent und Bibliothekar einen bruchstückhaften Lebenslauf der gescheiterten
Hoffnungen zu führen, der Flucht, der Zerwürfnisse, der Verluste geliebter Menschen und der immer neuen Hindernisse, vor die ihn die Gesellschaft und die Obrigkeit stellte: So wurde ihm zum Beispiel unter Androhung von Todesstrafe untersagt, weiter philosophische Schriften zu publizieren.

Lessing erkannte, dass die Probleme der Menschheit sich nicht von demselben Wissensstand aus lösen lassen, aus dem heraus sie entstanden. Deshalb stellt er radikal die Fragen nach dem Woher, Wohin und Wozu.

Auf der Suche nach dem Weg zum Wesentlichen setzt er sich mit den orthodoxen Glaubensansprüchen der Kirchen auseinander. Er reduziert sie auf bloße historische Wahrheiten und bezeichnet das Kirchenchristentum als eine kulturhistorisch vorübergehende Erscheinung. Statt dessen fordert er von einer Religion, dass sie den „Beweis des Geistes und der Kraft” erbringen müsse, denn der Buchstabe, auf dem die Kirche so sehr beharre, sei nicht der Geist, und Christus als Person zu verehren, sei ein „moderner Aberglaube”.

Lessings Verständnis von Religion lautet:

Es „war die Religion, ehe eine Bibel war. Das Christentum war, ehe Evangelisten und Apostel geschrieben hatten.” Denn aus „ihrer inneren Wahrheit müssen die schriftlichen Überlieferungen erklärt werden.”

Alle positive Religion lehnt er, ganz im Sinne Sloterdijks, ab, der
Religionen als metaphysische Denkmuster bezeichnet und zu
dem Resultat kommt: Es gibt keine Religion.

Lessing begreift die Denk- und Glaubensmuster als Fessel der Erkenntnis und der Entwicklung der Menschheit; sie schneiden den Menschen von seinem inneren Quell ab: „Das Wesentliche wurde in einer Sündfluth von willkürlichen Sätzen versenkt.”

Um die Religion in ihrer Lauterkeit wieder herzustellen, so dass die Wahrheit der Religion Christi von jedem Menschen als ein ehrlicher Mann” wieder erlebt werden könne, rät er, überall mit seinen eigenen Augen zu sehen, jeden Glaubenssatz furchtlos zu prüfen und zu Ende zu denken. So nimmt Lessing für sich in anarchistischer Manier das Recht auf absolute Freiheit im Denken in Anspruch.

Er versucht, unter den Trümmern der verfallenen Kultur ein Erbe freizulegen, das in die Ursprünge der Menschheitsgeschichte zurückreicht, um von hier aus den Weg für den Aufstieg der Menschheit zu einer neuen Erde aufzuzeigen.

Hierbei gerät er zunächst an die Erkenntnisgrenzen der menschlichen Vernunft: „Die grübelnde Vernunft dringt sich in alles ein, und will, wo sie nicht herrscht, doch nicht entbehret seyn. Ihr flucht der Orthodox; denn sie will seinem Glauben, der blinde Folger heischt, den alten Beifall rauben… Gebieterisch schreibt sie vor, was unsern Sinnen tauge, macht sich zum Ohr des Ohrs, und wird des Auges Auge. Dort steigt sie allzu hoch, hier allzu tief herab, der Sphär nie treu, die Gott ihr zu erleuchten gab.”

Auf dem Weg der bloß sinnlichen Wahrnehmung lasse sich die Wahrheit auch nicht finden, denn „im Taumel unserer Empfindungen” können wir sie nicht erhaschen.

Doch ein Funken Wahrheit sei dem Menschen eigen, der zwar nicht die objektive Wahrheit des Göttlichen selbst erfassen könne, wohl aber über den Trieb nach Wahrheit verfüge, „das göttlichste Geschenk, das aus des Schöpfers Hand den schwachen Menschen krönt.” Und Lessing fragt:

„Haben wir … darum gar kein Gefühl vom Guten und Bösen? … Hat denn eine geoffenbarte Wahrheit gar keine inneren Merkmale? Hat ihr unmittelbar göttlicher Ursprung an ihr und in ihr keine Spur zurückgelassen?”

Lessing vertritt ein Wahrheitsverständnis, wonach im Herzen des Individuums ein Element des Ewigen, Göttlichen verankert sei. Schelling sagt in ähnlicher Weise:

„Wir haben in uns einen einzigen offenen Punkt, durch den der Himmel durchscheint. Dieses ist unser Herz.”

Lessing bezieht sich auf den aristotelischen Begriff der Entelechie, d.h. die unsterbliche Realität, die Geist-Realität des Menschen, die ihr Ziel in sich selbst hat (en = in, Telos = das Ziel, echein = haben).

Trotz der Verwicklung mit den Widersachermächten, die den Menschen auf vielerlei Weise angreifen und in seiner Erkenntnisfähigkeit beieinträchtigen, so dass er die Wahrheit unter den Bedingungen von Raum und Zeit nur „zerteilt” wahrnehmen kann und einer Welt der Dualität von Gut und Böse ausgesetzt ist, gilt: „Denn Böses ist nie ohne Gutes, und Gutes nie ohne Böses”.

Deshalb vermag sich das wahrheitsstrebende Individuum aus der Macht der Gegenkräfte zu befreien, soweit es das Göttliche in sich aktiv und strebsam erhält: „Ich glaub‘, es ist ein Gott, weil ich es glauben muss, nicht weil es mir gefällt. Genug, wer Gott leugnen kann, muss sich auch leugnen können. Bin ich, so ist auch Gott. Er ist von mir zu trennen. Ich aber nicht von ihm. Er wär, wär‘ ich auch nicht; Und ich fühl‘ was in mir, das für sein Dasein spricht. Weh dem, der es nicht fühlt, und doch will glücklich werden, Gott aus dem Himmel treibt, und dieses sucht auf Erden!”

Wir haben heute, mehr noch als Lessing zu seiner Zeit, alle Möglichkeiten, um nach der tieferen Wahrheit über unsere Existenz zu forschen. Die Krise unserer Zeit fordert, dass wir diese Chance nutzen.

Abb.: Quelle wikipedia
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