Philosophie

Leibnizjahr 2007

Unter dem Titel „Gottfried Wilhelm Leibniz – seiner Zeit weit voraus” wurde im Rahmen des „Jahres der Geisteswissenschaften 2007” und gleichzeitig des „Leibnizjahres 2007” kürzlich eine eindrucksvolle Ausstellung in Wolfenbüttel gestaltet. In dieser Ausstellung wurde Leibniz (1646 – 1716) als Mathematiker, Physiker, Erfinder und nicht zuletzt auch als Philosoph gewürdigt. Er wirkte die letzten 25 Jahre seines arbeitsreichen Lebens als Bibliothekar an der dortigen Herzog-August-Bibliothek und versuchte gerade in dieser Zeit unter dem Eindruck des verheerenden 30-jährigen Krieges, dem Kernprinzip des menschlichen Wesens auf die Spur zu kommen.

Ich habe die weite Anreise zu der Ausstellung nicht gescheut, weil mich dieses letzte Universalgenie immer schon fasziniert hat. Und angesichts seines Lebenswerkes konnte ich dann auch wieder sehr tief empfinden, welche Verständnisbrücken für uns moderne Menschen sowohl nach außen als auch nach innen durch diesen Mann geschlagen wurden. Er war Geistes- und Naturwissenschaftler zugleich, der von sich selbst bezeugte: „Meine Metaphysik ist die reinste Mathematik.” Dabei ging er bewusst der Frage nach, wo und wie sich Endliches und Unendliches begegnen.

Kann man in einer Welt der Kriege, unendlichen Leidens und rücksichtsloser Selbstbehauptung noch die Sinnhaftigkeit unserer Existenz vertreten und zu all ihren Erscheinungen eine positive Einstellung einnehmen? Diese Frage hat mich schon früh beschäftigt und ich fand in der Leibniz’schen Philosophie dazu viel Ermutigung.

Bekannt ist vor allem seine Monadenlehre geworden. In der Monade drückt sich die ganze Vielfältigkeit der göttlichen Schöpfung aus. Alle Monaden – so seine Beobachtung am Verhalten der Menschen – müssen einzigartig und letztlich unverwechselbar verschieden sein. „Denn es gibt in der Natur niemals zwei Wesen, die völlig identisch sind und in denen sich nicht ein innerlicher Unterschied aufzeigen ließe. Denn sie tragen alle in sich eine bestimmte Vollkommenheit, die sie zum Quell innerer Tätigkeiten macht”. Für die menschliche Entwicklung setzte er eine Art Quantensprung voraus. In seiner Metaphysik III sagt er: „Die Erkenntnis der ewigen Wahrheiten unterscheidet uns von den Tieren und setzt uns in den Besitz der Vernunft und der Wissenschaften, indem sie uns zur Erkenntnis unseres Selbstes und Gott erhebt. Dies allein ist es nun, was man in uns vernünftige Seele oder Geist nennt. Wir erfassen Gedanken des Seins, des Immateriellen und Göttlichen, indem wir uns vorstellen, dass das, was in uns eingeschränkt vorhanden ist, in ihm ohne Schranken enthalten ist.”

Leibniz gelangte zu der Auffassung, dass trotz aller Schwierigkeiten hinter allem Geschehen eine latente „prästabilierte Harmonie” drängt und treibt. Bei der Betrachtung seines Lebenswerkes vermittelt er mir Eindruck, dass alles Leben letztlich doch von langer Hand in eine optimale Richtung gelenkt wird. Leibniz suchte und sah wohl hinter allem Treiben immer die Keime einer höheren Entwicklung. Der Mensch ist nicht dazu verurteilt, an diese Leidenswelt gebunden zu bleiben, wenn er jene Harmonie im eigenen Wesen entdeckt und aktiviert.

Leben bedeutete für Leibniz Kampf, freilich vor allem ein Kampf innerer Art. Das erklärte er der jungen Königin Sophie Charlotte von Brandenburg-Preußen, die immer wieder das Gespräch mit Leibniz suchte, auf folgende Weise: Ist es nicht so, dass ein Feldherr immer auf einen großen Sieg aus ist? Dafür muss er Wunden in Kauf nehmen. Letztlich aber geht es um die Überwindung des Bösen, also den Sieg. Eine Gemeinschaft ohne Wunden wird immer eine Gemeinschaft ohne Sieg sein. Für Leibniz ist die real existierende Welt trotz des unverkennbaren Leides und aller vorhandenen Schwierigkeiten „die beste aller Welten”. Denn alles Not-wendige lässt sich gerade in dieser Welt erkennen und überwinden.

Ich greife diese Botschaft gerne auf, ermutigt sie uns doch, mit Zuversicht einen spirituellen Weg zu gehen, ohne dabei vom Gedanken der Weltflucht beherrscht zu sein. Dabei sehe ich in Leibniz auch keinen grenzenlosen Optimisten, gerade weil er auf eine Bestimmung dieser Welt und des Menschen in ihr hinweist, die in der Überwindung des Bösen, des Mangels an Gotteserkenntnis besteht.

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