20. Oktober 2010 von Jürgen Binder

Joseph Beuys – Erkenne, es ist dein Schicksal, an deiner eigenen Skulptur zu arbeiten

„La rivoluzzione siamo noi“ (die Revolution sind wir selbst) schreibt Joseph Beuys (1921-1986) unter sein Bild, auf dem er gut gerüstet, ernst und entschlossen ausschreitet.

Er kannte die „Tabula Smaragdina“ und das „Corpus Hermeticum“, uralte ägyptische Weisheitslehren, die dem „Hermes Trismegistos“ zugeschrieben wurden. Darin heißt es, „die wahre Wissenschaft und die wahre Kunst wachsen aus der wahren Religion“. Aus dieser Erkenntnis schöpft Joseph Beuys seinen wohl bekanntesten und häufig missverstandenen Satz: „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Mit allem, was wir denken, fühlen und wollen, bilden wir ständig unsere eigene Skulptur. Die Frage ist nur: Nach welchen Maßstäben tun wir dies?

Die höchste Kunst bestünde darin, sich nach dem ursprünglichen Gottesplan als Gottes Ebenbild zu gestalten. Kunst wird so zum höchsten Gestaltungsbegriff, frei von allem zeitgebundenen Kunstverständnis und vom kommerziellen Kunstbetrieb. Joseph Beuys sagt in diesem Zusammenhang: „Ich bin nicht interessiert an immer neuen Innovationen (auf der weltlichen Ebene, Anm. d. Verf.), sondern an Transformation“ . Dieser Gestaltungsprozess bezieht sich sowohl auf die Entfaltung der eigenen Skulptur hin zum wahren Menschen, als auch auf eine entsprechende Gestaltung des sozialen Organismus.

Joseph Beuys sah Wilhelm Lehmbruck (1881-1919) als seinen Lehrer, obwohl er ihm nie selbst begegnet war. Die Arbeiten von Wilhelm Lehmbruck riefen Joseph Beuys gleichsam zu: Alles ist Skulptur, auch innere und gesellschaftliche Prozesse, die visuell räumlich nicht zu erfassen sind, sondern intuitiv erfahren werden.

Seine letzte öffentliche Rede am 12. Januar 1986 – wenige Tage vor seinem Tod -, anlässlich der Verleihung des Lehmbruckpreises, beschloss Joseph Beuys mit den Worten:

Schütze die Flamme.
Denn schützt man die Flamme nicht,
ach, eh man’s erachtet,
löscht leicht der Wind das Licht,
das er entfachte.
Brich’ dann du,
ganz erbärmlich Herz,
stumm vor Schmerz.

Gemeinfreies Bild: Jörg Immendorff (Quelle Wikipedia)

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