Kunst

Johannes Brahms und die Inspiration

Vor kurzem hörte ich zur Vorbereitung auf ein Sinfoniekonzert, in dem u. a. die 2. Symphonie von Johannes Brahms aufgeführt werden sollte, einen Vortrag über Brahms und seine Werke. Verwundert nahm ich zur Kenntnis, dass sich Brahms gegen Ende seines Lebens in einem Interview erstmals zur Frage der Inspiration und deren Quelle äußerte und dem Fragesteller das Versprechen abnahm, seine Äußerungen nicht vor Ablauf von 50 Jahren nach seinem Tod zu veröffentlichen.

Auf die Frage nach seiner Inspiration zitiert Brahms zunächst die Jesusworte aus dem Johannesevangelium: „Der Vater, der in mir wohnt, der tut diese Werke. Wer an mich glaubt, der wird diese Werke auch tun, die ich tue, und wird größere denn ich tun”. Im weiteren spielt er auf eine Äußerung Ludwig van Beethovens an, der einmal erklärt hatte: „Als ich diese Stelle schrieb, war ich mir bewusst, von Gott dem Allmächtigen inspiriert worden zu sein.”

Brahms sagt dazu: „Beethoven empfand das gleiche wie ich. Mit der Allmacht in Verbindung zu treten, geschieht nicht nur durch die Willenkraft über das bewusste Denken, das ein Entwicklungsprodukt des physischen Bereiches ist und mit dem Körper stirbt. Es kann nur durch die inneren Seelenkräfte geschehen – durch das wirkliche Ich, das den Tod körperlich überlebt. Diese Kräfte ruhen für das bewusste Denken, wenn sie nicht vom Geist erleuchtet werden.”

Und dann beschreibt Brahms sehr konkret, wie sich die Inspiration in ihm vollzieht:

„Wenn ich den Drang in mir spüre, wende ich mich zunächst direkt an meinen Schöpfer und stelle ihm zuerst die drei in unserem Leben auf dieser Welt wichtigsten Fragen – woher, warum, wohin? Ich spüre unmittelbar danach Schwingungen, die mich ganz durchdringen. Sie sind der Geist, der die inneren Seelenkräfte erleuchtet, und in diesem Zustand der Verzückung sehe ich klar, was bei meiner üblichen Gemütslage dunkel ist; dann fühle ich mich fähig, mich wie Beethoven von oben inspirieren zu lassen. In solchen Augenblicken wird mir die ungeheure Bedeutung der höchsten Offenbarung Jesu bewusst: ‚Ich und der Vater sind eins‘. Ideen strömen auf mich ein, direkt von Gott; ich sehe nicht nur bestimmte Themen vor meinem geistigen Auge, sondern auch die richtige Form, in die sie gekleidet sind, die Harmonien und die Orchestrierung. Takt für Takt wird mir das fertige Werk geoffenbart. Ich muss jedoch darauf achten, dass ich das Bewusstsein nicht verliere, sonst entschwinden die Ideen. Der Geist ist das Licht der Seele. Der Geist ist allumfassend. Der Geist ist die schöpferische Energie des Kosmos”.

Ich finde es großartig, wie Brahms diesen geistig-seelischen Prozess der Inspiration bewusst wahrnehmen und in klare Worte fassen konnte. Das Resultat ist der Nachwelt in seiner genialen Musik erhalten geblieben.

Hinweis: Lesenswert ist das antiquarische Buch von Arthur M. Abell: Gespräche mit berühmten Komponisten, aus dem Schröder Verlag Garmisch-Partenkirchen. Diesem Buch wurden obige Zitate entnommen.
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