Gnosis

Jeder Mensch ist einzigartig und doch aus einer Einheit hervorgegangen

Wisse, …
dass die ganze Welt wie ein Spiegel ist; dass in jedem Atom hundert strahlende Sonnen sind; dass hundert Ozeane entstehen, wenn Du einen Tropfen Wasser zerteilst; dass in einem Teilchen Materie hundertfach Adam gefunden werden kann; dass in einem einzigen Hirsekorn ein Universum verborgen liegt; dass alles in einem Augenblick anwesend ist; dass jeder Punkt eines Kreises aus Tausenden von Formen zusammen gefügt ist; dass jeder Punkt in seiner Umdrehung einen Kreis bildet, einen sich drehenden Umfang.

Mahmud Shabestari, gest. 1320 Iran

Mahmud Shabestari sieht die Welt wie im Kleinen so im Großen. Weil wir Menschen von ganz unterschiedlicher Natur sind, sehe ich immer wieder folgendes Bild vor Augen:

Einst sind alle Menschen aus einem Mittelpunkt heraus in das ganze All geschleudert worden. In diesem Mittelpunkt gab es keine Zeit, keinen Raum, keine Persönlichkeiten in Form von Individuen, keine eingekerkerten Seelen. In dieser Mitte gab es keine Welt mit ihren Gegensätzen, mit ihren Widersprüchen. Dort war etwas, was sich unserer höchsten Vorstellung und stärksten Fantasie entzieht, dort war einfach nur Licht. Dieses helle Licht kann die Sonne sein, und um sie herum bewegen sich die Planeten, die Menschen, die sich von der Sonne entfernt haben.

Heute sind alle Menschen einsam auf ihrer Bahn der Erfahrungen. Sie bewegen sich alleine, zu zweit oder in Gruppen, und doch ist jeder für sich. Jeder Mensch befindet sich in einem anderen Winkel zu seinem ursprünglichen Mittelpunkt und hat daher eine andere Ansicht der Dinge, Menschen und Situationen. Die Menschen verstehen sich nicht mehr, sprechen verschiedene Sprachen.

Und doch gibt es sogenannte Schnitt- oder Begegnungspunkte. Da treffen Menschen verschiedener Kulturen, Mentalitäten, Stände oder auch großer Altersunterschiede aufeinander und verstehen sich auf Anhieb. Ihre Seelen sprechen eine Sprache, die sich im Lachen, in der Musik, im Gebet, aber auch in der Liebe äußert. Es sind Momente, in denen sich die Menschen auf etwas Gemeinsames einschwingen; sie verstehen sich untereinander, sprechen eine gemeinsame Sprache.

In einem bestimmten Zeitpunkt auf ihrer Lebensbahn, die ein Hin- und Herpendeln zwischen gemeinsamem Erleben und Sich-nicht-verstehen ist, stoßen die Menschen an eine äußerste Grenze des unendlichen Alls, sie kommen nicht mehr weiter. Gleichzeitig hören sie einen Ruf wie aus der Ferne.Dieser Ruf erinnert sie an ein einst gekanntes unendliches Ewiges. Irgendwann wird dieses Rufen so stark wie ein Magnet und erweckt eine große Sehnsucht. Und die Menschen streben nach langen, langen Zeiten wieder ihrem gemeinsamen Mittelpunkt zu, angereichert mit Erfahrungen, viel reifer als zu der Zeit, bevor sie diesen Mittelpunkt verließen. Der Vater freut sich über den heimgekehrten Sohn um einiges mehr als über den daheim gebliebenen, so heißt es in der Bibel.

Jeder einzelne Mensch kommt aus einer anderen Richtung, und noch sind sie verschieden, abgeschieden vom Licht. Aber das Wissen, dass jeder anders sein muss und trotzdem der einen Mitte zustrebt, lässt eine Toleranz, ein Verstehen, eine Liebe in jedem Reisenden erwachsen. Die Freude wird immer größer, je mehr Ballast, Altlasten, Gewohnheiten, Unbewusstheiten auf dem Weg abfallen. Die Menschen nehmen einander immer klarer wahr.

Es ist, wie wenn ein Stück Holz lange, lange Zeit am Meeresgrund im Dunkeln festgebunden war. Eines Tages reißt der Strick, und das Hölzchen treibt wie von selbst an die Oberfläche des Wassers, wo das Sonnenlicht sich spiegelt. Es ist seine Bestimmung, leichter als das Wasser zu sein.

Mit den Menschen verhält es sich ebenso. Sie wenden sich erleichtert wieder ihrem eigenen Mittelpunkt zu, dorthin, wo es Licht ist. Diesen Pfad zur Mitte zu beschreiten ist so leicht – wie die Geschichte vom Stück Holz es beschreibt -, dass die Menschen mit ihrem komplizierten Denken und ihren Verstrickungen im Labyrinth der Lebenssee gar keine Idee haben, wie sie das bewerkstelligen können. Das Sich-umwenden zum Licht, zur hellen Oberfläche des Meeresspiegels, geschieht im „Nichttun”, im Wu Wei, wie die alten Chinesen sagen. Das Hölzchen, das an die Oberfläche getrieben wird, tut auch nichts. Das einzige, was die Menschen tun können ist, „den Strick zu lösen”, den Strick zum Reißen zu bringen, der sie am Alten festhält.

Die wahre Bestimmung des Menschen ist es, sich wieder zum eigenen inneren Mittelpunkt hin zu bewegen, der die Mitte aller Menschen ist, der Mittelpunkt, der Gott oder Vater-Mutter in einem ist.

Foto: Hermann Achenbach
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