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5. September 2007 von Hermann Achenbach

Jacob Böhme und die Tiefe der Existenz

Als ich die ersten Schriften von Jacob Böhme in die Hand bekam, wusste ich nur wenig mit ihm anzufangen. Die alte Renaissancesprache schreckte mich ab. Das lange und tiefe Bohren bei Detailaspekten machte ihn mir unübersichtlich, unüberschaubar, zu einem Gebirge ohne erkennbares Ziel, ohne Gipfel. Immer wieder stieß ich jedoch auf ihn. Immer wieder das Erstaunen, dass ein Schuster im 30-jährigen Krieg zu solch tiefem Durchschauen durchdrang. So kam es dann doch zu einer Beschäftigung mit Jacob Böhme über Jahre hinweg mit vielen Unterbrechungen.

Was mich besonders anspricht, ist, dass er nicht einfach eine Theologie oder deren Dogmen übernimmt. Im Gegenteil, er hinterfragt die herrschende Lehre und erforscht das Göttliche in der Natur. Sein Gottesverständnis ist nur denkbar und möglich in einer Erleuchtung, die er durch den Geist erfährt. Sein Mysterium Magnum ist die Auseinandersetzung mit dem Nebeneinander von „Himmel und Erde“, „Gott und Mensch“, „Engel und Teufel“ sowie „Gut und Böse“. In seinen Worten: „Es werden allzeit zwei Willen und Wesen verstanden. Von Ewigkeit offenbaren sich Licht und Finsternis.“ Böhme lässt eine Vernunft-Theologie nicht gelten und lehnt auch den Gott der Philosophen ab. Dogmatische, festlegende Lehrsätze sind für ihn keine Antworten, denn er hat seinen Gott nach und nach erfahren als

–verzehrendes Feuerwesen
–Liebe – Brennen
–Zorn – Feuer
–„feurisch Wirkung der Urkraft Gottes“.

Böhme stößt auf die Paradoxie von Licht und Finsternis in Gott. Er verharmlost sie nicht, harmonisiert sie aber auch nicht. Diese Gegensätzlichkeit muss vom Menschen ertragen werden. Böhme dringt zur Dimension der Tiefe durch, nicht zur Höhe und Erhabenheit. Meines Erachtens wird er dadurch zum Tiefenpsychologen, ja zum „Tiefentheologen“. Er spricht von:

–der Tiefe zwischen Erde und Sternen und
–der Tiefe des Gemütes des Menschen.
–Die Sonne ist König und das Herz die Tiefe.
–Die Sonne leuchtet und wirket in der Tiefe.
–Wie das Herz im Leib ist, so ist auch die Sonne in der Tiefe.
–Die Planeten machen die Sinnen und den Verstand in der Tiefe.
–Und alles zusammen ist ein lebendiger Geist.

Die Gelehrten seiner Zeit können ihm seine Fragen nach der Tiefe nicht beantworten. Er stößt auf heftigen Widerstand der Kirche und wird öffentlich als Ketzer verleumdet und verklagt. Böhme begründet: „Der tiefe Grund Gottes ist es, der im Dunkel liegt.“ Hier berührt er aus eigenem Erkennen die Dimension des unkennbaren Gottes. Seine Basis ist in diesem Zusammenhang Korinther 2 Vers 10: „Der Geist durchforscht alle Dinge, auch die Tiefe der Gottheit“. Und er erkennt, dass die Tiefe der Gottheit mit der Tiefe im eigenen Selbst korrespondiert. Ist diese Selbsterkenntnis nicht ein Wunder? Böhme findet das Göttliche im eigenen Selbst! Ist das nicht Gnosis aus erster Hand?

Ich empfinde hier die Größe eines Mannes, der ungeachtet der äußeren Umstände und des Widerstandes der Machthabenden seine persönlichen Erfahrungen mit den geistig-seelischen Dimensionen niederlegt und sie der Nachwelt hinterlässt. Seine Erfahrungen haben einen Widerklang in mir, als wären sie auch in mir angelegt und es steigt ein Gefühl der Erinnerung auf.

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