Selbsterfahrung

Im Frühling

Einmal ging ich im Frühling in der Dämmerung durch die hellgrüne saftige Natur unserer kleinen Ortschaft. Ein Weg mit rotem Kies, umgeben von jung-grünen Hecken, duftendem Flieder, entlang eines plätschernden Baches. Mich überkam ganz stark die Sehnsucht nach dem Mann, den ich liebe. Ich dachte, wie gerne würde ich hier mit ihm spazieren gehen, vielleicht sogar Hand in Hand. Dann sprach eine andere Stimme in mir: Es tut gar nicht not, hier in dieser kleinen Welt mit einem seelenverwandten Menschen zu spazieren. Unsere Seelen sind über die Welt hinaus, über die Zeit hinaus verbunden. Es ist etwas, das viel höher und unaussprechlicher ist. Unsere Seelen gehen einen Sternengang, vielleicht mit vielen anderen Seelen.

Ich bin gar nicht mehr traurig …

Ich sehe aber, wie die Menschen hier mit ihren Sehnsüchten gefangen leben: neben den Freuden der Begegnung die Schmerzen der Trennung. Und die Freuden des Friedens und der Liebe neben den Schmerzen des Streites und des Sich-nicht-verstehen-Könnens.

Ich erkenne hinter all dem Wechselspiel, dem Vergänglichen, etwas Dauerhaftes, etwas Ewiges. Die Sehnsucht nach dem Mann ist ein Gleichnis zu der Sehnsucht nach etwas Geistigem. Die aufwachende Seele sehnt sich nach dem Geist. Die intensive frühlingshafte Natur kann die Sehnsucht verstärken, macht uns unser Sehnen bewusst, sie lässt uns rufen nach etwas lang Vergessenem, nach etwas lang Vermisstem.

Wir fühlen uns traurig – ohne ersichtlichen Grund. Wir fühlen uns gedrängt oder innerlich zerrissen – die beiden Stimmen in uns ringen miteinander. Oder wir fühlen uns einfach nur unruhig – hier ist nicht unser Platz, unsere Heimat. Wenn wir den Mut haben, die Sehnsucht auszuhalten, zuzulassen, kann sich in uns etwas ganz Anderes bemerkbar machen, das einen unbeschreiblichen Frieden schenkt.

Dann wird auch die Begegnung mit dem geliebten Menschen auf ein ganz anderes Niveau gestellt. Jeder ist sich selbst genug, jeder kann allein (all-eins) sein und zu zweit sein. Jeder befruchtet den Anderen, gibt, beschenkt und wird wiederum bereichert in gegenseitig sich schenkender Freiheit. Die Sehnsucht nach dem geliebten Partner wird ersetzt durch das In- sich-Ruhen, das Finden in sich Selbst. Dann können wir den Menschen neu begegnen, das Wesen der Dinge erkennen, im Jetzt anwesend sein.

Steckt nicht im Jetzt, sogar in jedem Augenblick die Ewigkeit? Ist nicht das Äußere die Widerspiegelung des Inneren? Sind wir Menschen nicht ein Atom wie auch zugleich ein Weltall? Ist nicht diese Welt mit all ihren Erscheinungen ein Gleichnis zur ursprünglichen Welt? Sind nicht sogar beide Welten zu gleicher Zeit anwesend? Es sind viele Fragen und doch ist es nur eine einzige Frage. Zuerst muss in uns die Frage ganz deutlich werden und dann können wir uns der Antwort nähern. Immer wieder muss uns die Frage bewusst werden und dann wird in uns auch die Antwort reifen. Etwas Unklares wird allmählich immer klarer – nach einem Frühlingsgewitter kommt die Sonne mit ungewöhnlicher Klarheit.

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